 Eure Liebe tötet mich: Das Album beginnt mit einer einzelnen angestimmten Gitarre, die ein Stück einleitet, dessen Text man nur mit großer Mühe als etwas anderes lesen kann als eine Reflektion des niemals unkomplizierten Verhältnisses von Band und Publikum und das sich schließlich in dramatischen Gitarrenlärm verabschiedet - eine Dramaturgie, die deutlich auf die Live-Interpretation tragenderer Stücke im Repertoire der Band verweist. Ein geglückter Anschluss somit an die letzten verbliebenen Eindrücke.Ein leiser Hauch von Terror: Dreieinhalb verblüffend gerade Minuten Rockmusik, von denen erschreckend wenig übrig bleibt. Viel Spaß bei der Textanalyse! Die Folter endet nie: Ein gar cleveres Spiel, das die zart von weiblichen Background-Vocals und wunderschönen Blechbläsern beturtelte Melodie mit den Lyrics hier treibt, die ihrerseits, anders noch als das konzepttragende Vorgänger-Album, nicht alles Heil in der Aufgabe suchen, sondern auch den Wunschgedanken an eine "Lanze für den Widerstand" kennen. Faszinierend. Da Blut an meinen Händen: Man darf sich vom Feuilleton die ästhetischen und lyrischen Verweise erklären lassen - oder hier eines der schönsten, hingebungsvollsten Liebeslieder finden, die Tocotronic bislang geschrieben haben. Geadelt durch ein zauberhaftes, zutiefst wild-romantisches Streicherarrangement, dem jede nur angemessene Präsenz zuteil wird. Macht es nicht selbst: Der Auftakt zu einem Song-Doppel ganz im Geiste der verschrammelten Bockigkeit der ersten Bandstunden, verpackt in ein herrlich albernes Singalong. Die erste Single und so viel ratschlagreicher Jugendbewegungskonsens, dass es den werten Herren von Lowtzow & Co. dabei eigentlich selbst nicht wirklich wohl sein kann. Das soll einer verstehen. Bitte oszillieren Sie: Mit Verlaub, statt zu oszillieren, legen wir uns mal doch fest: ein selbstironischer Blick auf den ewig tobenden, mal mehr, mal weniger bewusst geführten Kampf zwischen Text und Interpretation, zwischen Künstler, Kunst und Publikum. "Das Regime ist so bescheiden: / Sie müssen nichts entscheiden" - zu gnädig, herzlichen Dank, das versöhnt. Ernsthaft. Schall und Wahn: Ein wunderbarer Trost für die Leere nach dem Rausch, grandios ambivalente Lyrics, die beweisen, dass Tocotronic sich mitunter völlig zurecht als Meister des Oszillierens verstehen. Eine Melodie für die Ewigkeit gibt's obendrein, kurzum: eines der besten Stücke, die die Band je geschrieben hat, oder, nota bene!: ein Meisterwerk. Im Zweifel für den Zweifel: Und gleich noch eins. Das Sentiment von "Kapitulation" spricht aus jeder der hinreißend gedichteten Strophen, deren thematische Geschlossenheit und aspektreiche Fantasie an das unsterbliche "Pure Vernunft darf niemals siegen" erinnern. Musikalisch endlos schmerzvoll zart. Die Geige ist, man darf es so sagen, ein Traum. Keine Meisterwerke mehr: So, so. Nach den zwei vorangegangenen Songs das Konzept des im besten Wortsinn perfekten Meisterwerks für überholt zu erklären, ist dann doch ein bisschen sehr kokett. Pardon. Glücklicherweise musikalisch nicht sonderlich interessant, so dass man sich hier nicht weiter aufzuhalten braucht. Stürmt das Schloss: Der bissige Blick auf den Superstar-Quatsch im TV kommt ein bisschen sehr spät. Immerhin laut und ehrlich wütend, das Ganze. Und nach zweieinhalb Minuten auch schon wieder vorbei. Nun ja. Gesang des Tyrannen: Wem Lyrics wie "Ich bin Graf / von Monte Schizo / Und ich singe / diesen Hit so" keine Kopfschmerzen bereiten, der hat seine Aspirin vermutlich mit großen Löffeln gefressen. Wer den Text ausblenden kann, bekommt ein fröhliches Liedchen gesungen. In keinem Fall ein Meisterwerk, alles selbstrechtfertigende Absicht also vermutlich. Gift: Was wiederum arg sinnlos erscheint, wenn man auf das Prachtstück blickt, mit dem "Schall und Wahn" abschließt. Anderthalb Minuten sägende Streicher-Disharmonie räumen Kopf und Herz frei und stimmen konzertgleich feierlich für einen zerbrechlich schönen Song, dessen Text man der Band gern voller Liebe zurückschenken würde. Das gewaltige, feedback-umschimmerte Finale schließlich schließt die zu Beginn aufgemachte Klammer des empfundenen Live-Vortrags. Der Vorhang darf fallen. Friedrich Reip
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