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2 x Texte der klassischen Moderne/Musik der Gegenwart (Scheerbart/Lichtenstein) 

05.01.2008

Der Hörbuchmarkt boomt. Abseits der großen Flut der Durchschnitts- und Billigproduktionen findet sich doch immer wieder die eine oder andere überraschende Abzweigung. Eine davon hat die hoerbuchedition words & music eingeschlagen. Mit Produktionen zu den beiden Autoren Paul Scheerbart (1863-1915) und Alfred Lichtenstein (1889-1914) legt der Verlag hochklassige Hörbücher vor, wie man sie viel zu selten in die Hände bekommt.

2 x Texte der klassischen Moderne/Musik der Gegenwart (Scheerbart/Lichtenstein)2 x Texte der klassischen Moderne/Musik der Gegenwart (Scheerbart/Lichtenstein)Das Konzept der beiden Audiobooks ist identisch: kurze Texte und Gedichte nahezu – und zu Unrecht – vergessener Autoren der klassischen Moderne werden von ebenso klang- wie namhaften Stimmen vorgetragen und eingehüllt in jazzig experimentelle Musik. Inhaltlich freilich unterscheiden sich die Produktionen.

„Scheerbartiana“Paul Scheerbart

Im Fall der „Scheerbartiana“ – so der Titel der ersten Produktion – handelt es sich um eine Auswahl kürzerer Prosatexte, die einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des humorvollen Phantasten Paul Scheerbart ermöglichen sollen, vorgetragen von Andreas Mannkopff und musikalisch „scheerbartisiert“ von Kurt Holzkämper + Phon B. Dazu gibt es ein umfangreiches und mit viel Liebe gestaltetes Booklet mit reichhaltigen Informationen und phantastischen Zeichnungen des Dichters und Graphikers Scheerbart.

2 x Texte der klassischen Moderne/Musik der Gegenwart (Scheerbart/Lichtenstein)2 x Texte der klassischen Moderne/Musik der Gegenwart (Scheerbart/Lichtenstein)

„Ich hebe meine Augen in die Welt“Alfred Lichtenstein

Die Kombination von Komik und unter- und hintergründigem Ernst, ja Verzweiflung, die Scheerbart auszeichnet, findet sich auch bei seinem Zeitgenossen Alfred Lichtenstein – wenn auch in anderer Form: in schrillen Gedichten und grotesken Prosatexten, die Lichtenstein zu einer wichtigen Erscheinung des Frühexpressionismus werden ließen. Auf „Ich hebe meine Augen in die Welt" interpretieren Barbara Wittmann und Detlef Bierstedt ausgewählte Werke des Schriftstellers: Porträts von Trinkern, grauen Clowns, Irren, Huren und Rummelplatzgestalten, von himmelblauen Exzentrikern, unschuldigen Kindern, parfümierten Pudeln und „eigen schauenden Frauen“, von verrückten Literaten, Bürokraten und geschundene Rekruten. Den buckligen Dichter Kuno Kohn, ein Alter Ego Lichtensteins, treffen wir im „Café Klößchen“ und erleben mit ihm eine sehr seltsame Liebesgeschichte. Alle Texte Lichtensteins summieren sich zu einem bizarren Bild der magisch beleuchteten Stadtlandschaft Berlins. Am Ende steht der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die frühen lyrischen Todesahnungen des Dichters werden plötzlich grausamste Realität. Musikalisch eingefasst in expressive Klangbilder wurde dieses Hörbuch von zwei der kraftvollsten und farbenreichsten Instrumentalisten der internationalen Jazzszene: Aki Takase und Michael Griener.

Wie die „Scheerbartiana“ ein im wahrsten Sinne des Wortes außerordentliches Projekt. Bleibt zu hoffen, dass der Verlag weitere vergessene Künstler in ähnlicher Weise in unser Gedächtnis zurückholt.

Christian Liederer

http://www.words-and-music.de

 

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