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Interview mit Olli Schulz (Teil 1) 

04.11.2006

bloom.de traf Olli Schulz, um mit ihm Songs zu hören und über diese und “Warten auf den Boomerang”, das neue Album von Olli Schulz & der Hund Marie zu sprechen.

Tori Amos? - „Raining blood

Olli Schulz: Ist aber nicht die neue Lemonheads, oder? Die fängt auch mit so einem Klavier an.

bloom.de: Ne, ist ne Coverversion. Geh mal in Deine Metall-Vergangenheit zurück.

Olli Schulz: (nachdem er schon eine Weile zugehört hat) Ich muss noch weiter hören. „They sky is turning blue…“ Wer ist denn das? Der Text kommt mir schon bekannt vor. Ist das Tori Amos?

Interview mit Olli Schulz (Teil 1)Interview mit Olli Schulz (Teil 1)bloom.de: Richtig.

Olli Schulz: Tori Amos covert Slayer, „Raining blood”. Ich hab’s gerade an den Textzeilen erkannt. Ich wusste auch, dass Tori Amos so was gemacht hat, die hat auch sogar Nirvana gecovert.

bloom.de: Für das Album „Strange little girls“, auf dem auch dieses Lied drauf ist, hat sie Songs gewählt, in denen es darum geht, das Männer Frauen Gewalt antun und sie wollte diesen Frauen dadurch eine Stimme geben. Hast Du damals die Metall-Texte reflektiert?

Olli Schulz: Nö. Ich habe das, glaube ich, nicht reflektiert genug gehört. Mit 16, 17 interessiert dich mehr das Artwork, das Cover und da bist Du im Englisch auch noch nicht so versiert, also ich jedenfalls war es nicht. Ich wusste immer, dass es bei den meisten Metall-Bands um Monster geht, um Tod und Verderben und so’n Kram. Ich wusste auch nicht, dass „Raining blood“ ein Song ist, in dem Frauen Gewalt angetan wird, das höre ich gerade zum ersten mal, aber kann sein, die Texte von Slayer sind ja alle sehr Gewalt verherrlichend. Allerdings denke ich auch, dass Künstler wie Slay hart im Metall stehen, aber auch nicht die Hellsten sind. Ich find’s originell, was Tori Amos macht, aber ob das jetzt so eine gute Gegenbewegung ist? Metall-Bands haben generell oder zu achtzig Prozent erschreckend dumme Texte, außer Queensryche, die haben ein sehr ambitioniertes Album gemacht, „Operation mindcrime“, das auch sehr politisch war. Schau Dir die Manowar-Texte an, Iron Maiden-Texte oder AC/DC, da geht’s nie um große Tiefenpsychologik oder politische Themen, da ging’s immer um Saufen, Frauen, Rock’n Roll oder „die Welt bricht zusammen“, solche Texte. Und das ist natürlich alles lyrisch nicht die stärkste Schule.

Tori Amos finde ich generell sehr interessant, besitze aber nicht eine Platte von ihr, weil mir manchmal das elfenhafte Getue so auf die Nerven geht. Aber ich habe ganz viele Freunde, die Tori Amos vergöttern. Ich weiß auch, dass sie eine große, tolle Künstlerin ist, aber mich hat sie nie so wirklich berührt. Es kommt jetzt eine ganz tolle Platte raus von Joanna Newsom, die heißt “YS“, ist von Steve Albini produziert, geht ein bischen in die Tori Amos-Richtung, aber mit Harfe und sie singt nicht mehr so quarkig wie früher.

Adam Green – “Born to run

Olli Schulz: (nach den ersten drei Tönen) Bruce Springsteen ist das natürlich, „Born to run“.

bloom.de: Aber hier nicht von Springsteen. Olli Schulz: Ich weiß, dass es eine Version von Frankie Goes To Hollywood gibt, die ist es aber nicht. (singt mit) „…of the runaway american dream…“. Klingt wie Adam Green.

bloom.de: Der ist es auch.

Olli Schulz: Ist er echt? Ich wusste gar nicht, dass der Bruce Springsteen gecovert hat. Springsteen ist einer der Musiker, die man respektieren kann, nur für die Karriere, die er hingelegt hat. Viele verbinden ihn nur mit „Born in the USA“ und halten ihn für einen blöden Patrioten, aber jeder, der den Text ein wenig kennt, weiß, dass es kein Pro-Amerika-Lied ist, sondern auch von Vietnam handelt. Er hat auch Scheiße gemacht, die letzten zwei, drei Platten haben mich nicht mehr wirklich interessiert, aber er hat ‚ne tolle Karriere hingelegt, hat wahnsinnig viele interessante Sachen gemacht, wie das Album „Nebraska“, dass er in der Küche aufgenommen hat mit derbe düsteren Texten. Nachdem alle nach „The river“ gedacht haben „jetzt kommt das große Album“ hat er „Nebraska“ gemacht und dann erst die „Born in the USA“. Und auch davor das ganze Ding, wie er seine Platten angegangen ist. Ich meine, in den 70ern, 80ern hatten Musiker einfach noch mehr Chancen und Zeit als es heute der Fall ist. Heute musst du mit der zweiten oder dritten Platte schon einen Hit hinlegen, sonst lassen sie dich fallen. Bei Bruce Springsteen hat’s auch erst mit der dritten Platten geklingelt und der konnte noch so eine richtige Karriere kreieren.

bloom.de: Im Moment gibt’s ja ein Springsteen-Revival ohne Springsten: Badly Drawn Boy nennt seine neue Platte „Born in the U.K.“…

Olli Schulz: Oder Moneybrother, der sich da auch sehr viel abgeschaut hat. Ist schon komisch, haben wahrscheinlich alle von mir abgeguckt (lacht). Deswegen ziehe ich mich jetzt auch ein bischen zurück aus der Bruce Springsteen-Fanszene und höre mehr Bonnie ‚Prince’ Billy.

Tortoise & Bonnie ‚Prince’ Billy - „Thunder road

Olli Schulz: (wieder nach den ersten Tönen) Ah ja. Die Platte habe ich natürlich. Bonnie ‚Prince’ Billy und Tortoise mit „Thunder road“. Wahnsinnig gute Version, finde ich. Die ganze Platte ist nicht so gut, “Daniel”, im Original von Elton John finde ich super, das hier finde ich super, das ist es aber auch schon fast. Die neue ist besser, aber die beste ist immer noch die „Ease down the road“ in meinen Augen, und die „I see a darkness“. Die „Master and everyone“ ist auch Wahnsinn und die „Superwolf“ hat auch ganz starke Momente. Auf der neuen gibt’s ein paar Brüche, ein paar Lieder passen nicht so richtig darauf, finde ich. Aber Bonnie ‚Prince’ Billy ist auch ein Künstler, den ich dafür verehre, dass er von Platte zu Platte ein bischen was anderes macht, obwohl es immer Songwriter-Kram ist.

bloom.de: Tortoise haben ja auf diesem Album die elektronischen Elemente eingebracht - Du arbeitest auf Deinem neuen Album auch mit elektronischen Elemten. Wie kam es dazu?

Olli Schulz: Das liegt daran, dass wir in letzter Zeit auch viel The Streets und so was gehört haben, und dieser Song „Keiner hier bewegt sich (wir fallen)“, auf den Du anspielst, das ist eigentlich ein richtiger Schlagzeugbeat, den wir verfremdet haben, um den elektronischer wirken zu lassen, aber der wurde richtig im Studio eingespielt. Ich mag privat schon immer gerne HipHop oder Rap mal aus Spaß so, würde das nicht gerne als Platte machen wollen, aber habe da nie so Berührungsängste gehabt. Ich fand nie nur Gitarrenmusik gut. Und so ein Song auf der Platte hat auch was Erfrischendes.

Ben Kweller - „I don’t know why

Olli Schulz: (mal wieder ein Blitzstart) Das ist Ben Kweller, die neue. Ein wahnsinnig gutes Album. Ich hab’s erst seit zwei Tagen, hab’s auch erst zweimal durchgehört, aber es ist super schön.

bloom.de: Der nennt ja für dieses Album neben, mal wieder, Springsteen auch Tom Petty als Einfluss, den Du ja auch magst.

Olli Schulz: Ja, gefällt mir auch super, aber die neue Platte ist mir zu öde, das ist Alt-Männer-Rock. Es ist auch so: Ich finde Tom Petty super, er hat aber nie die Klasse von Bruce Springsteen erreicht oder von Neil Young. Dafür ist er immer zu sehr auf Nummer Sicher gegangen. Aber er hatte eine Phase von 88 bis 95, da hat er ja nur Hits rausgehauen, unglaublich. Und auch wirklich originell.

Johnny Cash -„I see a darkness

Olli Schulz: (tatsächlich schon beim ersten Ton) Das ist natürlich Johnny Cash, “I see a darkness”, auch wahnsinnig toll. Die Stimme von Will Oldham (aka Bonnie ‚Prince’ Billy, d. R.) im Refrain ist es, die den Song so ergreifend macht, finde ich, wenn der da mit hinzu kommt. Also natürlich auch Johnny Cashs tragende Stimme, aber wenn da im Refrain Bonnie gleich mitsingt, das ist Wahnsinn, da habe ich so eine Gänsehaut bekommen. Und ich hatte gerade, als dieses Album heraus kam, zwei Wochen vorher, das erste mal mir eine Bonnie-Platte gekauft, dann kam die Cash-Platte, und dann habe ich angefangen, mir alles von Oldham zu kaufen und sehr viel Geld dafür ausgegeben. Von Johnny Cash habe ich mir die erste „American Recordings“ gekauft, als sie rauskam, und war sehr begeistert. Und seit Rick Rubin ihn produziert hat, ist die Sympathie für Johnny Cash immer mehr gewachsen, alles tolle Alben. Das letzte war nicht mehr so doll, da war der aber wirklich auch schon so kaputt, da war auch nicht mehr so viel aus ihm raus zu holen. Die Songs waren nicht mehr so richtig stark, die sie herausgesucht haben und irgendwann hat es auch ein wenig genervt, dass alle immer so „Johnny Cash, Johnny Cash“ sagten und das so eine Überpräsenz hatte.

Wilco - „Hell is chrome

Olli Schulz: (wie davor erkennt er den Song sofort) Wilco – (singt mit) „When the devil came he was not red…“. Eine meiner absoluten Lieblingsplatten. Keine haben wir im Tourbus öfter gehört. Also das beste Konzert, was ich in den letzten fünf Jahren gesehen habe, war letztes Jahr im Herbst Wilco in Hamburg in der Markthalle. Ich habe noch nie eine so gut eingespielte Band gesehen. Eine der besten Bands, die es momentan gibt. Und Jeff Tweedy schreibt wahnsinnig schöne Texte.

Beck - „Lost cause

Olli Schulz: Das kenne ich auch, das sind die Eels.

bloom.de: Nein, aber es klingt ein bischen danach, stimmt.

Olli Schulz: Aber ich habe das auch, ich muss auf den Refrain warten. Das ist Beck vom „Seachange“-Album – wahnsinnig tolle Album, das beste Beck-Album. Mit dem neuen und dem davor kann ich nicht viel mit anfangen.

Der zweite Teil folgt in einigen Tagen.

Das Interview führte Johannes Mihram. Foto: Felix Gebhard.

 

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