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Ton Steine Scherben – Das Gesamtwerk |
22.09.2006
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Nur den besten Bands wird die Ehre zuteil, alle ihrer Alben neu geremastert zu bekommen und sogar in einer Box mit zusätzlichen Schmankerln veröffentlichen zu können. The Beatles, Elvis Presley, Bob Marley oder The Ramones sind Bands bzw. Musiker, die in dieser Liga spielen. Mit gewissen Abstrichen gehören auch Ton Steine Scherben in diese illustre Reihe und das als eine der wenigen deutschsprachigen Bands.
 Denn genau das – der Text in deutscher Sprache – war das, was die Scherben Anfang der 70er Jahre von den unzähligen anderen Rockbands in Deutschland unterschieden hatte. Die Musik der Scherben klang wie die der Rolling Stones, von The Who oder MC5, also gut, immer leicht rotzig, aber nie sehr originell, immerhin haben schon die Stones von den alten Blueslegenden abgekupfert.Doch die Texte waren Offenbarungen, waren Momentaufnahmen aus den Mündern junger Lehrlinge, Schüler und Trebegänger, die Sänger und Texter Rio Reiser begierig in sich aufsog, um sie in gereimter Form auf die Straße zurückzuschmettern. So entstanden Parolen wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für Niemand“, „Allein machen sie dich ein“ oder „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, alle nachzulesen auf unzähligen Demoplakaten der Linken und manchmal auch der Rechten in den letzten dreißig Jahren. Zum Inhalt der Texte kommt etwas, was Musiker wie Udo Lindenberg oder Marius Müller-Westernhagen, die später versuchten, Rio Reiser zu kopieren, sich nie ganz abschauen konnten: Den Mutterwitz und das Gefühl in der Stimme. „Arbeit macht das Leben süß, so süß wie Maschinenöl“, „Ich möchte gern mal meinem Chef die Möbel gradeziehn“ oder „Wenn ich nach Hause komme, sitzt da ein alter Typ, er sagt, er ist mein Vater und ich glaub auch, dass er's ist“, das ist proletarischer Humor, Frustabbau und nebenbei eine Analyse sozialer Verhältnisse zugleich - und das alles im gleichen Song („Ich will nicht werden, was mein Alter ist“). Die kratzige Reibeisenstimme Rio Reisers mit ihrem Berliner Dialekt jedoch ist gewöhnungsbedürftig, so sehr, dass einige Ton Steine Scherben trotz – nicht wegen – Rios Stimme hören. Aber wenn dieser Typ den Mund aufmacht, dann hört sich alles so glaubhaft, so echt an als erzähle er nicht jedes Mal auf einer anderen Bühne das Gleiche. Die Anstrengung, mit der Rio sich den Songs hingibt, wird auf der Bühne (und für zu spät geborene auf der DVD „Land in Sicht“) schnell deutlich. Barfuß, also ganz verletzlich, tänzelt er auf die Bühne, schreit, schwitzt, flüstert, klammert sich an den Mikrofonständer als bräche er sonst zusammen und wälzt sich auf dem Boden. Jan Plewka hat übrigens die kaum vorstellbare Meisterleistung vollbracht, diese Anstrengungen Rio Reisers im Theaterstück „Jan Plewka singt Rio Reiser - Eine Reminiszenz“ fast detailgetreu wiederzugeben. Was vergessen? Ach ja. Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre als die RAF erst in der Gründung war, die große Koalition aus SPD und CDU das Land im lähmenden Würgegriff hatte, galt es schon als rebellisch, wie die Beatles eine Pilzfrisur zu tragen, Ex-Nazis saßen noch in Gerichten und Behörden und Homosexualität war gesetzlich verboten. In solch einem gesellschaftlichen Klima kamen störende Zwischentöne – zumindest musikalisch – bisher nur aus dem Ausland. Dass die fremde Jugend verroht und durchgeknallt war – na ja, das lag halt an deren Kultur. Aber dass auch deutsche Jugendliche mal das Maul aufmachten und Zeilen sangen wie „Wie viel sind hinter Gittern, die die Freiheit wollen? Wie viel sind hinter Gittern, die wir draußen brauchen? Wie viel sind hinter Gittern, nach dem Gesetz? Wer das Geld hat, hat die Macht und wer die Macht hat, hat das Recht!“, das war unvorstellbar. .
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 Dass die Boulevardzeitung BZ noch vor Veröffentlichung der ersten Scherben-Platte „Warum geht es mir so dreckig“ 1971 den vollständigen Text von „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ abdruckte, zeigt nicht, dass die BZ kurzzeitig liberal geworden wäre, sondern nur, dass sie ein Gespür für Themen hat, die viele, vor allem Arbeiter, interessieren.Auch wenn die Scherben sich nie als Studenten oder gar ihr Sprachrohr sahen, schrieben sie trotzdem Songs, die Studenten sowie Lehrlinge und Schüler gemeinsam singen konnten, die Mut machten, wenn die Polizei wieder in eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg einprügelte, wenn sie im Rahmen der RAF-Rasterfahndung Häuser durchsuchte oder von alten Opas auf der Straße der Spruch kam: „Früher hätte man euch...“ Aus diesen Gründen ist die Band berühmt und beliebt geworden und das Erstaunlichste ist, dass selbst heute, über 35 Jahre nach Veröffentlichung des ersten Albums die Songs aktuell sind und Probleme ansprechen, die Jugendlichen unter den Nägeln brennen (vergleiche „Mole Hill Rockers“ mit Hartz IV). Soviel zum Thema Fortschritt. Dass diese Songs immer noch frisch klingen, ist dem Remastering zu verdanken, dem alle sieben Scherben-Alben unterzogen wurden. Am auffälligsten sind die soundtechnischen Verbesserungen beim zweiten Album „Keine Macht für Niemand“. Schon in der ersten Sekunde wird der Bass hörbar, den man sonst kaum wahrgenommen hatte und am Ende des ersten Songs klingt auf einmal voluminös ein Frauenchor, der früher höchstens erahnbar war. Auch die sehr charakteristischen Bassmelodien von „Allein machen sie dich ein“ oder „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ kommen besser zum Tragen. Bei „Ich geh weg“ auf dem Doppelalbum „Wenn die Nacht am tiefsten...“ fällt auf einmal die Violine auf und „Wir sind im Licht“ verzückt mit glänzenden Instrumentalparts, die vorher irgendwie untergingen. Dazu kommt – wie es sich für ein dickes Box-Set gehört – viele Bonussongs. „Live III“ ist die logische Fortsetzung der beiden anderen Live-CDs, ebenfalls mit Songs der letzten vier Scherbenkonzerte 1984 in der Berliner Ufa-Fabrik, die Fans vorher nur als Bootleg hören konnten. Außerdem gibt es zwei CDs, auf der vierzehn („IV – Die Schwarze“) bzw. acht („Scherben“) Songs nicht nur neu gemastert, sondern auch neu gemischt wurden, weil die Scherben schon damals mit der Soundqualität unzufrieden waren. Dass dabei nicht die beiden Alben komplett gemischt werden konnten, ist leider einem der in Portugal häufigen Waldbrände zu verdanken, der die Bänder im Wohnwagen vom Scherben-Gitarristen und -Komponisten R.P.S. Lanrue vernichtete. Dass sich die Arbeit an den restlichen Songs trotzdem gelohnt hat, ist beispielsweise im letzten Drittel des Songs „Sumpf Schlock“ zu hören, wo feine Melodiefäden grazil ineinander gewebt werden. .
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 Übrig bleibt eine CD mit Singles, Demos und Raritäten. Richtig begeistern kann von den Demos nur „Nicht noch mal“, was schon in einer anderen Version auf dem posthumen Rio-Sampler „Am Piano“ zu hören war. Den fünf anderen Songs ist anzuhören, warum sie bislang unter Verschluss geblieben waren: Zu unausgegoren klingen die Melodien, zu uninspiriert der Gesang, zu schleppend der Rhythmus. Dann gibt es noch die Single-Versionen der frühen Songs, hörenswert und sehr selten der Sing „Jetzt ist Feierabend“, der 1971 auch unter dem Namen „Frauen gemeinsam sind stark“ als B-Seite der Single „Allein machen sie dich ein“ veröffentlicht wurde. Ergänzt wird die Zusammenstellung vom lesenswerten 72seitigen Hardcover-Booklet mit vielen Fotos und Erklärungen zu den einzelnen Alben und Songs. Die kleine Sprühschablone mit dem Slogan „Keine Macht für Niemand“ ist eher als Gimmick zu sehen.Trotz der liebevollen Arbeit an der Box gibt es einiges zu kritisieren. So richtig komplett ist das „Gesamtwerk“ doch nicht. Es fehlen beispielsweise die beiden Hörspiele, die die Scherben zusammen mit Dietmar Roberg bzw. dem Hoffmanns Comic Teater veröffentlicht haben, die beiden Alben, die mit der schwulen Theatertruppe Brühwarm aufgenommen wurden. Das schmerzt umso mehr als der ausführende Produzent der Box, Lutz Kerschowski, im Booklet schreibt, dass die Box „sämtliche relevanten Aufnahmen“ der Scherben enthalte. Aber Kinder und Schwule sind ja nur Randgruppen. Auch die Single „Das ist unser Land“ von Corny, Ernst & den Scherben, die 1979 veröffentlicht wurde (und auf der als B-Seite immerhin eine Version von „Kommen sie schnell“ zu hören ist) fehlt, sowie die teils längeren, teills anderen Versionen der vier Singles, die von den Alben „IV – Die Schwarze“ und „Scherben“ ausgekoppelt wurden. Von obskuren Projekten der Scherben wie zusammen mit dem Kollektiv Rote Rübe (Alben „Paranoia“ und „Liebe Tod Hysterie“ oder Transplantis (Album „Transplantis“) mal nicht zu reden, denn die klangen schon damals gewöhnungsbedürftig. Außerdem schwirren im Fankosmos etliche Demoaufnahmen herum, die der Raritäten-CD ebenfalls noch fehlen. Da wären beispielsweise die weiteren drei Borsigwalde-Demos (zwei sind in der Box zu hören, eins auf dem Sampler „Auswahl I“) oder das Stück „Vorstadttiger“. Wenn schon „Gesamtwerk“, dann richtig. Aber trotzdem ist und bleibt die Box ein Juwel, was zumindest für die, die noch nicht alle Originalalben der Scherben besitzen, ein Schnäppchen ist. Und da das Gesamtwerk von Rio Reiser solo sicher auch noch erscheinen wird, können obige Verluste noch ausgeglichen werden.
Robert Kneschke
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http://www.tonsteinescherben.de – http://www.riolyrics.de Fotos aus dem Booklet: 1. Foto zeigt Rio Reiser und im Hintergrund den Bassisten Kai Sichtermann 1970, 2. Foto zeigt R.P.S. Lanrue.
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