 Aber emotional betrachtet gibt uns Sebastian Sturm ein angenehm erdiges Roots-Reggae-Album zum Hören, was selbst den Vergleich mit Reggae-Altmeister Bob Marley nicht zu scheuen braucht. Kurzes Aufatmen: Ja, Bob Marley meine ich, nicht, weil es der einzige Reggae-Sänger wäre, den ich kenne, sondern weil Sebastian Sturm mit seiner hohen Reibeisenstimme eben so klingt und die live eingespielten Riddims seiner Band Jin Jin sich ebenfalls an dem Marley-Sound orientieren – wenn auch mit dem europäischen Touch, den Chris Blackwell dem Rastaman reingemischt hat.Zwar verzichtet der 26jährige auf das anbiedernde Patois, aber inhaltlich geht es Sebastian Sturm wie Gentleman: Die Texte sind zwar „conscious“, also auch für kritische Linke halbwegs verdaubar, aber doch immer so oberflächlich, dass es fast weh tut. Perfektes Beispiel ist der Song „Tell Them The Truth“, was zwar die beste Songzeile des Albums enthält („Tell them the truth about one creation / ... so they refuse to live in separate nations“), aber eben dieses „they“ nie erklärt! Wer sind denn „sie“, die die Jugend dumm halten, die Wahrheit verheimlichen und die Welt ausbeuten? Die Nazis, die Kapitalisten, die Juden, die US-Amerikaner, die Frauen? Oder soll sich jeder sein gewünschtes Feindbild in den Song denken können? Das ist purer Populismus, der sich in Songs wie „Reggae Makes The Youth Free“ fortsetzt. Es ist natürlich Quatsch, dass Reggae per se eine revolutionäre Musikrichtung sei, welche „die Jugend“ (schon wieder: welche Jugend?) befreien könnte. Spätestens seit Adornos „Kulturindustrie“-Thesen sollte klar sein, dass Musik auch ein perfektes Mittel sein kann, um Leute von den wahren Problemen abzulenken. Wer aber darüber hinwegsehen und solche inhaltlichen Allgemeinplätze wie „Soziales Leben ist das beste“ (aus dem Song „Social Living“) ignorieren kann, der erhält ein sehr gut produziertes und warm klingendes Reggae-Album mit wenig Tiefgang, aber eben auch keinen homophoben, sexistischen oder gewalttätigen Ausfällen.
Robert Kneschke
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