 Das alles klingt wie eine Rechnung, die aufgeht. Das tut sie auch. Man muss nicht das zweite Gesicht haben, um Regicide eine gute Chartentry zu prophezeien (zwei Ohren reichen schon). Allerdings fehlt mir dabei die echte Dramatik, die Tiefe, ein Streifzug durch die Unterwelt. Nur ansatzweise geschieht dies, wie etwa bei „Forgotten Promises“. Zu selten, dass das Gesangsduo seine Stimmen gegeneinander wirft, allzu sehr regiert aalglatte Harmonie beziehungsweise schwappt die Dramatik an entscheidenden Stellen in süßliche Musicalmelodien über, statt dass sie forciert würde. Insbesondere in den Refrains droht der Pathos-Overkill und man gibt sich inbrünstig großen Pseudogefühlen von Webber-Operettchen hin. Dann überfallen mein Hirn unwillkürlich schon mal Musical-Szenarien, Bilder eines Jünglings im flatternden Seidenkostüm, der sich vor seiner Angebeteten räkelt und beide säuseln sich liebliche Melodien ins Ohr. Außerdem werde ich die Ängste nicht los, dass ich die Band irgendwann einmal beim Zapping in Sendungen wie Top of the Pops vor einer Horde kreischender Teens erwische. Überhaupt wirkt zumindest die Hälfte der Band optisch wie aus einer der momentan ebenso beliebten wie unsäglichen Casting-Shows entführt – da hilft auch die Leder-Gothic-Kluft nichts.Wie dem auch sei – mit einigen überzeugenden Kompositionen können Regicide trotzdem bei mir punkten: mit „The hanger-on“ etwa, besagtem „Forgotten promises“ oder „Pirates“, und die Fans der oben genannten Kapellen dürften nicht nur hier entzückt sein. Für meinen Geschmack aber sind viele Songs zu arg mit Pathos vollgepumpt und mit großen Blockbuster-Gefühlen überfüttert. Vor fünf Jahren wäre das 2-Vocal-Violine-Piano-Rock-Metal-Gothic-Ensable noch originell gewesen und mutig, heute rennt die Band damit offene Türen ein und begibt sich auf Pfade, die andere schon ausgetreten haben. So wirft man zum richtigen Zeitpunkt die richtige Scheibe auf den Markt. Wie gesagt, die Rechnung geht auf. Christian Liederer
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