bloom

Magazin -> Archiv

Jahresrückblick 2005 von Johannes Mihram 

25.12.2005

Wow! So einen starken musikalischen Jahresanfang wie dieses Mal gab es schon lange nicht mehr. Gleich fünf Alben erschienen im Januar, die sich am Jahresende in meinen Top 10 wieder finden. Tocotronic legten mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ nicht nur ein gutes Motto für das Jahr sondern auch ein tolles Album vor. Nun offiziell ein Quartett feierten sie die Angst, die Zweifel und den Wahnsinn im verschlankten, hypnotischen Sound. Am gleichen Tag kreuzte in unseren Gefilden der „Superwolf“ auf, die Zusammenarbeit von Matt Sweeney & Bonnie ‚Prince’ Billy. Zu kargem, rohen Gitarrensound singt Bonnie ‚Prince’ Billy vom Liebesleid – eine Platte, die sich ins Herz bohrt wie ein rostiges Messer.

Und nur eine Woche später kam’s noch dicker: Mando Diao, die schwedischen Jungs um Gangleader Gustaf und Tieftöner Björn legten mit „Hurricane Bar“ einen mehr als würdigen Nachfolger für ihr ebenfalls grandioses Debüt vor. Die Energie mehr kanalisiert, um im richtigen Moment auszubrechen, und der Sound geschliffener – so gelang ihnen der Durchbruch bei der Masse. Das Album stand jedoch eindeutig im Schatten des am gleichen Tag veröffentlichten Doppelschlag von Bright Eyes: „I’m wide awake, it’s morning“ und „Digital ash in a digital urn“, das eine reiner Folk, das andere sein digitaler Bastard und beide vollendete Schönheiten.

Jahresrückblick 2005 von Johannes MihramJahresrückblick 2005 von Johannes MihramZeit für angemessene Würdigung dieser Werke? Pah, sprach der Musikgott bzw. die Musikindustrie und bescherte uns zwei Wochen später schon mit dem nächsten wahrhaftigen Ohrenschmaus mit „I am a bird now“ von Antony and the Johnsons. Mit einer wunderbaren Stimme singt der New Yorker Transvestit hauptsächlich zu Klavierbegleitung Lieder über Liebe, Leid und das Gefangensein im falschen Körper. Ende Februar erschien mit „The beekeeper“ von Tori Amos ein schwieriges Album. Bei den ersten Hördurchgängen fiel es als bei mir als viel zu glatt durch, doch ich ließ nicht locker, da diese Frau eine meiner Lieblingskünstlerinnen ist. Und siehe da: Der Blüte auf dem Cover gleich öffnete sich das Album nach und nach und zeigte seine ganze Schönheit. „It’s a grower“ hieß es auch bei The Arcade Fire und ihrem Longplayer „Funeral“, der mit seiner Mischung aus Bowie und Talking Heads über zwei Monate hinweg so gut wie nicht aus meinem CD-Player weichen wollte und immer besser wurde.

Das letzte große Album vor dem Sommerloch war schließlich „A certain trigger“ von Maximo Park, das einzige Album des neuesten Britpop-Booms, das mich überzeugt. Poppige Melodien, gepackt in Gitarren und 80er-Jahre-Keyboards, dazu der stark ausgeprägte britische Akzent von Sänger Paul Smith – so klingt gutgemachte Popmusik, die einem den Moment versüßt, auch wenn sie keine Langzeitwirkung haben mag. Was für eine großartige erste Jahreshälfte, vor allem das erste Quartal. Und der verregnete Sommer ließ genug Zeit, die tolle Musik zu hören, immer und immer wieder.

Jahresrückblick 2005 von Johannes MihramJahresrückblick 2005 von Johannes MihramErst Ende August ging es wieder los, mit dem dandyhaften Jens FriebeIn Hypnose“. Vielleicht nicht mehr ganz so zwingend wie das Debüt, doch mit „Lawinenhund“, „Kennedy“, „Jede Menge Ziele“ und „Abend voller Glück“ sind auch hier großartige Songs vertreten. Auf hohem Niveau schwächelten auch Sigur Rós mit „Takk…“ dieses Jahr, zu sehr ähneln die Songs dem bisherigen Output der Band.

Mitte September war Freak-Folk mit CocoRosie und Devendra Banhartangesagt. Während man sich erstere auf „Noah’s ark“ mit all den Spielzeug-Geräuschen und dem Krächzen nicht allzu oft geben kann, begeisterte mich Banharts „Cripple crow“ um so mehr mit einer warmen Produktion und erstmals mit Band und damit Songs, die mehr als Skizzen sind.

.

Jahresrückblick 2005 von Johannes MihramJahresrückblick 2005 von Johannes MihramMehr als Skizzen waren jedoch bei den Babyshambles aufgrund anhaltender Drogenprobleme von Pete Doherty nicht drin. „Down in Albion“ kann zwar mit großartigen Songs wie „Fuck forever“, „What Katy did next“ oder „Albion“ aufwarten, vieles dazwischen ist jedoch zielloses Gejamme. Doch genug der enttäuschten Hoffnungen, denn nach den musikalisch lauen Monaten April bis September lieferte das letzte Quartal noch mal große Kunst anhand von „Apologies to the Queen Mary“, dem ersten Album der Kanadier Wolf Parade. Gegründet, um The Arcade Fire zu supporten und produzierten vom Kopf von Modest Mouse, sind dies auch die heraus stechenden Referenzen des Quartetts.

Das Musikjahr endete schließlich mit zwei Bonbons jenseits der regulären Studioalben: Wilco veröffentlichten mit „Kicking television (Live in Chicago)“ ein fulminantes Konzertdokument, und unterstreicht damit nochmals, die vielleicht derzeit beste Band der Welt zu sein. Die beste, sicher aber relevanteste deutschsprachige Band zu sein, zementierten schließlich Tocotronic mit ihrer „Best of“. Eine CD randvoll gefüllt mit Hits und einem Remix und eine zweite ebenso bis an die Grenzen des Mediums gehende Silberscheibe ist proppevoll mit all den Raritäten, die auf der „10th anniversary“ keinen Platz gefunden haben, aber allemal hörenswert sind. Was für ein Jahr, wow!

Meine liebsten regulären Alben des Jahres:

Platz 1: Antony and the Johnsons - I am a bird now

Platz 2: Wolf Parade - Apologies to the Queen Mary

Platz 3: The Arcade Fire - Funeral

Platz 4: Devendra Banhart - Cripple crow

Platz 5: Bright Eyes - Digital ash in a digital urn

Platz 6: Bright Eyes - I’m wide awake, it’s morning

Platz 7: Mando Diao - Hurricane Bar

Platz 8: Maximo Park - A certain trigger

Platz 9: Matt Sweeney & Bonnie ‚Prince’ Billy - Superwolf

Platz 10: Tocotronic - Pure Vernunft darf niemals siegen

Johannes Mihram

 

 

 

 


 

Powered by form4

Bei Fragen, Anregungen oder Beiträgen eMail an info@bloom.de.
Für die Richtigkeit der oben stehenden Artikel übernehemen wir keine Gewähr.