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Rio Reiser - Familienalbum Band 2 

24.10.2005

Die CD beginnt mit einem Schreck. Wer vorher nicht auf die Trackliste geguckt hat, wird von der Stimme Claudia Roths überrascht. Diese behauptet, etwas von Rio Reiser gelernt zu haben und zitiert dann den vollständigen Text des Ton Steine Scherben-Songs "Ich will ich sein".

Rio Reiser - Familienalbum Band 2Rio Reiser - Familienalbum Band 2Die Penetranz, mit der die Grünen-Abgeordnete Roth die kurze Zeit in ihrem Leben hervorhebt, in der sie der Polit-Band Ton Steine Scherben einige Tipps gegeben hat und das "Management" nannte, stößt deshalb ab, weil die Band danach bankrott ging und auch, weil sie anscheinend doch nichts gelernt hat: Grüne Angriffskriege und windelweiche Atomkompromisse sind nur zwei Beispiele.

Wer sich von dem Schreck erholt hat, wird mit Rio Reisers "Für immer und dich" getröstet. Die ist schon auf der Doppel-CD "Live in der Seelenbinder-Halle" zu hören, aber immer wieder Balsam für geschundene Ohren. Ob die Entscheidung, den Originalinterpreten auf ein Cover-Album zu packen, strategisch sinnvoll war, ist fraglich, denn damit wird der Vergleich mit dem Original geradezu provoziert.

Einige der Bands, die mit dem schweren Erbe von Ton Steine Scherben und Rio Reiser konkurrieren wollen, schaffen das überraschenderweise sehr gut. Dazu zählt zum Beispiel die zerbrechliche Version der "B-Seite", gesungen oder vielmehr gehaucht von Annett Louisan. Auch Keimzeit überzeugen mit einer rotzigen Variante vom Gassenhauer "Mensch Meier". Die gestriegelte Mainstream-Band Bosse versucht sich an "Warum geht es mir so dreckig" und scheitert wider Erwarten nicht - vor allem deshalb, weil sie sich sehr genau an das Original halten.

Am weitesten von der Vorlage entfernt hat sich die HipHop-Band Kinderzimmer Productions, die "Gib mir was ab" auseinander nimmt. Überzeugend umgesetzt, nur die "Eddie sagt"-Teile sind leider schwer verständlich. Eine gute Wahl war auch die Single-Auskopplung von "Komm schlaf bei mir", die der gefühlige Clueso singt. Der Schmalz, den andere hier sofort reingedrückt hätten, wird durch das trockene, gebrochene Schlagzeugspiel erfolgreich ferngehalten.

Andere Interpreten haben das leider nicht geschafft. Der alte Barde Reinhard Mey dudelt "Zauberland" im 80er-Jahre-Stil runter ohne zu merken, dass die Synthetik das Einzige war, was dem Originalsong so schlecht bekam. Wie Mey benutzt auch Malte für seine Fassung von "Schritt für Schritt ins Paradies" lange Gitarrensoli, sogar auf einer Slide-Gitarre, die dem eigentlich leicht kämpferischen Song eine gefühlsduselige Mark Knopfer-Note gibt.

Wie schon beim ersten Band des "Familienalbums" ist auch beim zweiten Band ein großer Fehltritt enthalten. War es bei ersterem Joachim Witt mit "Wo sind wir jetzt", ist es diesmal Joachim Deutschland mit "Keine Macht für Niemand". Deutschland nimmt dem ursprünglichen Protestsong durch zusätzliche Melodien und Harmonien jegliche Aggressivität und Ungeschliffenheit und verwässert ihn damit auf radiotaugliches Niveau. Unfreiwillige Ironie ist die Verabschiedung am Ende, in der es "Deutschland, gute Nacht" heißt. Heinrich Heine würde sich freuen.

Robert Kneschke

http://www.rioreiser.de

http://www.riolyrics.de

 

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