 Eine löbliche Sache, sollte man meinen. Doch steckt die Tücke im Detail. Was an dem Buch "Singen? Kann jeder!" so positiv zu schätzen ist, ist die optimistische Einstellung, mit der dem Leser oder der Leserin in jeder Zeile - manchmal sogar mehrmals - versichert wird, wie gut er/sie ist, wie toll die Stimme klingen kann und wie leicht das Lernen ist, wenn es nur gewollt ist. Das Punk-Motto "Das ist ein Akkord, nun gründe eine Band" wurde hier einfach auf das Singen angewandt: Da ist dein Mund, suche Dir einen passenden Text, atme richtig und schon klingt alles wunderbar.So einfach ist es natürlich nicht, aber Artemis hat Recht, wenn sie am Anfang des Buches feststellt, dass es vielen anderen Gesangsbüchern daran mangelt, die gefühlsbetonte Seite des Singens hervorzuheben, dass der Text gelebt und gefühlt werden muss, um ihn richtig intonieren zu können. Das ist aber noch lange kein Grund, die elementaren Dinge wie die Atemtechnik oder Zungen- und Gaumenstellung zu vernachlässigen oder einfach komplett zu ignorieren. So kann das Buch nicht als ernstzunehmendes Gesangslehrbuch akzeptiert werden, sondern höchstens als Motivation für angehende Popmäuschen. Ja richtig, Popmäuschen, denn wer als Musiker ernst genommen werden will, braucht das Buch nicht. Mick Jagger, Bob Dylan oder Rio Reiser konnten selbst nicht gut singen, hatten aber die Ausstrahlung, die Themen und die Glaubwürdigkeit, die den Leserinnen und Lesern dieses Buches vielleicht fehlen wird. Denn die Beispiele, mit denen Artemis hantiert und ihre Biografie lassen erste Befürchtungen wahr werden: Das Buch soll keine Sängerinnen und Sänger trainieren, sondern Castingshow-Opfer auf ihre Rolle im Musikgeschäft besser vorbereiten: Zitat: "Diskutiere nicht über Aufgaben, die dir gestellt werden. [...] Wenn ich etwas sage, mache es einfach. [...] Dein Coach hat immer recht". Wer diesen Befehlsgehorsam so resolut einfordert, formt höchstens stimmliche Handwerker, keine Künstler. Als Beispiele werden Britney Spears und Christina Aguilera herangezogen, die Autorin selbst trainierte glattgeschliffene, gecastete Popgruppen wie Bro'Sis, Overground oder Nu Pagadi, bei denen sie zum Teil selbst mitsang. Das sind nicht die Musiker, von denen wir gesangliche Innovationen erwarten dürfen. Wenn das Buch dazu beiträgt, dass wir noch mehr solcher Klone auf den Markt geschmissen bekommen, dann bitte, brauchen wir es nicht. Wenn aber die komplette zweite Hälfe, in der es nur um die Vorbereitung auf eine Casting-Show geht, ignoriert würde, ist es ein wohltuend motivierendes Buch für angehende Sängerinnen und Sänger. Die zweite Hälfte könnte stattdessen mit etwas gefüllt, werden, was bisher im Buch überhaupt nicht vorkommt: Das Singen eigener Texte. Wie selbstverständlich geht Artemis davon aus, dass die Leser ihres Buches nur fremde Texte nachsingen können oder wollen. Bei der Arbeit mit Casting-Gruppen vergisst man vielleicht mal, dass die originellsten Sänger die sind, die ihre Texte selbst schreiben. Das Problem, sich in die Aussage eines Textes reinfühlen zu müssen, würde sich damit von selbst erübrigen. Dass Artemis daran nicht gedacht hat, macht stutzig und ist verdächtig. Also am besten das Buch nur bis Kapitel sechs lesen und die restliche Zeit lieber dafür verwenden, eigene Texte zu schreiben.
Robert Kneschke
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