bloom

Magazin -> Archiv

Sam Prekop und Archer Prewitt in Hamburg 

14.05.2005

Lass die Musik spielen… damit sie sich ausbreiten und entwickeln kann. Eine der in den letzten Jahren aufregendsten Städte für innovative, eigenwillige, experimentelle und abwechslungsreiche Musik ist Chicago. Jazz, Elektronik, Noise, Rock und Pop finden zueinander, symbiotisch oder auch harsch kollidierend. Auf den Labels Touch And Go, Skin Graft, Thrill Jockey und anderen veröffentlichen Musizierende der Metropole überraschende Alben und spielen besondere Konzerte. Letztere sind bisweilen, ebenso wie die Tonträger, auch in Übersee zu genießen. Ein glücklicher Umstand. Zu wohlklingenden Bands aus Chicago gehören The Sea & Cake. Ihr Sänger und Gitarrist ist Sam Prekop, an der zweiten Gitarre der Band agiert Archer Prewitt, der auch im Background singt. Beide veröffentlichten bereits Solo-Alben, auf denen allerdings die anderen Bandmitglieder, mehr oder weniger, beteiligt waren. So kann es kaum verwundern, wenn Prekop und Prewitt gemeinsam durch Europa touren. Sie brauchen dabei nur ihre Gitarre, einen Verstärker, einige Effektgeräte und zwei Mikrofone. Mit diesem bescheidenen Equipment retten sie den Abend, vielleicht einen längeren Abschnitt Leben.

Sam Prekop und Archer Prewitt in HamburgSam Prekop und Archer Prewitt in HamburgEine Vorband ist angekündigt, was einer ausgesprochenen Halbwahrheit entspricht. Prewitt beginnt den Abend. Er betritt die Bühne, mit neuem Haarschnitt, am Nachmittag auf der Reeperbahn erworben. Dies kommt einem seltsam anmutenden Tatbestand gleich, welchen er mit einem bübisch-hämischen Lächeln und Gemurmel vom guten Preis quittiert. Archer Prewitt spielt Stücke seines aktuellen Albums: “Wilderness“. Die Stücke der Veröffentlichung sind geradezu orchestral arrangiert, im Sinne von Evergreen-Höhepunkte wie “Sgt. Pepper“ oder “Pet Sounds“. Doch auch im Alleingang geling Prewitt eine einnehmend intensive Aufführung. Er führt die Stücke an ihren Ursprung zurück, so wie er sie konzipierte, bevor all diese Instrumentenstimmen hinzukamen, mit Gitarre und Stimme. Abwechslungsreichtum entsteht allein durch Heben und Senken der Stimme, den Gitarrenanschlag und den umsichtigen Gebrauch von Hall-, Delay- und Verzerrer-Effekten. So viele schöne Liebeslieder, selten Balladen im herkömmlichen Sinn. So viele Herzensangelegenheiten. Das raubt fast den Atem.

Im Anschluss folgen glänzende Gitarrenduette, welche Prekops einmaligen Hauchgesang mehr als nur begleiten. Avancierte Spielhaltung ohne treibt dem Publikum den Schweiß auf die Stirn, bei einer solch hohen Dosis Wohlklang. Sie verabreichen diese konzentriert und gleichzeitig locker, bereit für einige stichelnde und selbst dumme Bemerkungen. Denn es ist gut sich manchmal dumm zu fühlen, so Prekop. So äußert er sich nachdem er zum Rhythmischen Klatschen aufforderte, wohl wissend, wie “Fucked Up“ das sei. Doch ein Drummer ist nun mal abwesend. Den kann nur das Publikum im Ansatz imitieren. Dafür bedankt es sich, ist von jedem Lied beeindruckt, begeistert, mild angefeuert. Alle oberflächlich lieblichen Neuheiten, mit versteckten Ecken ertönen: “Something“, “C + F“, “Dot Eye“, “Chicago People“. Die beiden formen Musik der Ruhenähe, ohne Seichtheit, instrumentieren das Verlangen nach Ausgeglichenheit, nach einem Zustand des Wohlbefindens, ohne Mangel, ohne Angst, ohne Kampf. Von den schwersten Lasten befreit, auf Mitgefühl aufbauend, Sorge tragend, im beiderseitigen Einvernehmen. Ohne Geltungsbedürfnis, zur Stille strebende Virtuosität. Dabei ist das Konzert keine besserwisserische Schulung, sondern klangliche Realisierung des egalitären Gemeinwohls. Das Set der beiden Sea & Cake-Partner besteht zu einem Großteil aus Songs des “Who`s Your New Professor“-Albums. Doch auch Stücke der gemeinsamen Band dürfen mit von der Partie sein. Die abgespeckten Versionen verblüffen, lassen kaum die fehlenden Töne und Rhythmen vermissen, bringen allen Anwesenden Freude. Und zur ersten Zugabe, dem The Sea & Cake-Quasi-Hit “Parasol“, gibt es nur noch frenetischen Jubel. So kehren die beiden Tonmaler dann auch so oft zurück, sogar dankbar, wie es das Repertoire erlaubt.

Tobias Stalling

http://www.thrilljockey.com

 

Cd(s) bei amazon.de kaufen bzw. vorbestellen...

 

 

 


 

Powered by form4

Bei Fragen, Anregungen oder Beiträgen eMail an info@bloom.de.
Für die Richtigkeit der oben stehenden Artikel übernehemen wir keine Gewähr.