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Tocotronic - Pure Vernunft darf niemals siegen 

21.01.2005

Ich mag’s wenn sich die Wut entfacht“ und „Ich werde frei sein und gehen zur nächsten Station“ – dies sind der erste und der letzte Satz des neuen, siebten Albums von TocotronicPure Vernunft darf niemals siegen“. Sie stehen programmatisch für den neuesten Streich der Hamburger, aber auch für die zehn Jahre, die mich die Band nun schon begleitet.

Tocotronic - Pure Vernunft darf niemals siegenTocotronic - Pure Vernunft darf niemals siegenIch war 16 Jahre alt, als ihr Debütalbum „Digital ist besser“ erschien. Wütend, deprimiert und selten auch euphorisch, doch nie ausgeglichen waren ich und ihre Songs. Gerade deshalb fand ich mich in Titeln wie „Samstag ist Selbstmord“ und „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ wieder. Gemeinsam mit zwei Freunden teilte ich die Namen der Bandmitglieder unter uns auf, natürlich trugen wir Trainingsjacken und Seitenscheitel. Bis 1997 erschienen drei weitere Alben voller Hymnen, die uns verstanden und prägten. 1999 dann, die Schule gerade hinter uns und der Auszug bei den Eltern schon fest im Visier, erschien „K.O.O.K.“. Mitten in der Lebensplanung und den diversen vielversprechenden aber auch verwirrenden Möglichkeiten hielt mir die Band mit Songs wie „Das sind keine Rätsel“ und „Die neue Seltsamkeit“ wiederum einen Spiegel vor. Die Welt war komplexer und kryptischer geworden, Tocotronics wie auch meine. Noch ausgefeilter war dann ihr selbstbetiteltes Werk von 2002 und ein Jahr später schließlich erfolgt die Zäsur mit „10th anniversary“, das sämtliche Videos und B-Seiten der Band vereinte.

Wir schreiben das Jahr 2005. Zeitschriften haben Schlagzeilen wie „Kopf hoch, Deutschland“ oder heißen gleich „Deutsch“ und vermitteln Jugendlichen, sie seien schon wild, wenn sie nur vier statt fünf Praktika auf dem Weg zum Versicherungskaufmann machen. Ich stehe davor und fühle mich wieder unverstanden und wütend wie mit 16. Doch Tocotronic halten mir die Stange: „Völker! Auf zum Gefecht!/ Die Illusion wird Menschenrecht/ Ich bin nicht allein in meiner Sucht/ Vor den Spießern auf der Flucht“. Auch bei „Pure Vernunft darf niemals siegen“ kann mein Kopf nicht jede Zeile dechiffrieren, doch die Songs landen im Bauch und von dort breitet sich ein Gefühl des Muts zum Exzess, zum Wahnsinn, zur Angst aus.

Dazu spielt die Gitarre wieder mehr im Vordergrund, denn neben Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank gehört nun auch der langjährige Tourkeyboarder Rick McPhail als zweiter Gitarrist fest zur derzeit wohl wichtigsten deutschen Band neben Kante. Die Songs ähnelns sich bis auf wenige Ausnahmen in Melodie und Rhythmus und ziehen gerade deshalb in ihren Bann.

Tocotronic verändern sich weiterhin, um sich treu zu bleiben, doch Wut, Haltung und Liebe haben sie sich bewahrt. Das macht sie heute wertvoller denn je.

Johannes Mihram

http://www.tocotronic.de

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