 Nun gut, die Bibel kenne ich. Deshalb mal eine biblische Sicht auf die Homophobie. Woher rührt sie? Die betreffende Stelle ist schnell gefunden. Erstes Buch im Alten Testament, Genesis, Kapitel "Untergang von Sodom und Gomorra". Die bedeutungsschwangeren Sätze lauten: "Aber ehe sie sich legten, kamen die Männer der Stadt Sodom und umgaben das Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen Enden, und riefen Lot und sprachen zu ihm: Wo sind die Männer, die zu dir gekommen sind diese Nacht? Führe sie heraus zu uns, daß wir uns über sie her machen." (Genesis 19:4-5).Das ist sie also, die berühmte Stelle, weswegen Battymen verbrennen sollen. Doch wie bei so vielem in der Bibel kommt es auch hier nur auf die Interpretation an. Zum einen geht es im vorigen Kapitel um den Beweis, ob Abraham die Zerstörung Sodoms verhindern könne, so lange er nur zehn Menschen finden könne, die nicht gesündigt haben (Genesis 18:22-32). Bei kleinlicher Betrachtung versammeln sich jedoch nur Männer, um mit den Fremden intim zu werden. Zählen die Taten der Frauen nicht? Ein viel wichtigerer Punkt ist einige Sätze später zu finden. Lot fleht die Männer Sodoms an, statt der Fremden mit seinen beiden jungfräulichen Töchtern vorzunehmen. Das wird jedoch abgelehnt (Genesis 19:7-9). Wäre es nun weniger schlimm, wenn die aufgebrachte Menge "nur" die Töchter vergewaltigt hätte? Nein, denn Vergewaltigung bleibt Vergewaltigung. Das ist die biblische Sünde, nicht etwa Homosexualität, wenn sich zwei Männer freiwillig lieben. Eine erzwungene Liebe ist falsch, doch dabei ist es egal, ob diese von einem Mann einem anderen Mann oder einer Frau aufgezwungen wird. Die Bibel besteht zudem nicht nur aus dem ersten Buch Genesis. Auch die Propheten nehmen Bezug auf die Sünden Sodoms und Gomorrahs. So erinnert Jesaja in seinem ersten Kapitel an den Untergang der Städte mit der Aufforderung " Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!" (Jesaja 1:17), um nicht so wie Sodom zu enden. Daraus kann gelesen werden, dass das Sündhafte beider Städte die vorherrschende soziale Ungerechtigkeit war. Auch im dritten Kapitel wird darauf deutlich Bezug genommen (Jesaja 3:9). Ebenso deutlich deutet Prophet Hesekiel das Elend Sodoms. Die Städte Samaria und Sodom werden dort verbildlicht als Schwestern dargestellt: "Siehe, das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Hoffart und alles in Fülle und sichere Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern; aber dem Armen und Elenden halfen sie nicht. " (Ezekiel 16:49). Die Ignoranz gegenüber Armut hier als Hauptmotiv der Sünde. Jeremia fasst das zusammen: "Bei den Propheten zu Jerusalem sehe ich Greuel, wie sie ehebrechen und mit Lügen umgehen und die Boshaften stärken, auf daß sich ja niemand bekehre von seiner Bosheit. Sie sind alle vor mir gleichwie Sodom und die Bürger Jerusalems wie Gomorra" (Jeremia 23:14). Ehebruch, Lügen und Parteinahme für den Teufel werden hier aufgezählt, allesamt in den Zehn Geboten als Sünde erwähnt. Wo wir gerade bei den Zehn Geboten sind. Wie rechtfertigt sich eigentlich die verbale Verbrennung von Schwulen, wenn auf die Bibel Bezug genommen wird, gleichzeitig jedoch das Fünfte Gebot lautet: "Du sollst nicht töten" (Exodus 20:13)? Oh nein, wieder so ein verblendeter Bibel-Interpret, schreien die "Ich kenne die Bibel besser als du"-Christen. Ich übersehe doch glatt die deutlichste Bibelstelle zum Thema: Levitikus 20:13! Darin heißt es: "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen." Soweit, so deutlich. Allerdings heißt es nur fünf Sätze später, dass auch der Umgang mit Frauen, die ihre Tage haben, verboten ist. Werden Mann und Frau dabei erwischt, sollen "beide aus dem Volk ausgerottet" werden. Welcher Mann, der so laut und aggressiv gegen Schwule wettert und dabei fanatisch auf die Bibel klopft, hält sich denn konsequent von Frauen fern, die ihre Tage haben? Oder weigert sich gar, seinen Bart zu stutzen, wie es im 19. Kapitel Moses zu lesen ist? Die Bibel sollte nicht als unumstößliches Heiligtum gesehen werden, sondern als dass, was sie vor Hunderten von Jahren war. Ein religiöses Regelwerk, welches im zeitlichen Kontext gesehen werden muss. In einer Zeit ohne funktionierenden Justiz- und Polizeiapparat übernahm die Bibel auch den Part des Richters. Die Gesetze können sich ändern. Die Bibelinterpretation sollte das auch können.
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