 Auf 144 Seiten kommen Jazzgrößen wie Sonny Rollins, Wayne Shorter, Bill Dixon, Max Roach, Ornette Colemann, Archie Shepp, Roswell Rudd, Sam Rivers, Steve Coleman, James Carter und William Parker zu Wort. Leider beginnt das Buch mit dem alles relativierenden Sonny Rollings, dessen Interview auch das langweiligste und längste des Buches ist. Broeckling fragt die Musiker mit einem fundierten Vorwissen nach deren Ansichten über die Möglichkeiten des Jazz heute. Kann er noch politisch wirken? Soll er überhaupt? Warum änderte sich die Jazzlandschaft?Rollins sieht heutzutage fast nur die Möglichkeit, durch Musiktitel Gerechtigkeit zu fordern, solle aber vorsichtig und nicht zu direkt sein, um nicht ausgegrenzt zu werden. Shepp behauptet sogar, der Jazz sei tot und wäre durch Rap ersetzt worden. In eine ähnliche Kerbe schlägt Rivers, der meint, Gangsta-Rap würde heute die Schockfunktion des Free Jazz übernehmen. Dixon fragt sich sogar, ob Musik überhaupt politisch sein kann, ohne dann "journalistisch", also beschreibend zu werden. Ganz andere Ansichten vertreten Max Roach und Ornette Coleman in zwei sehr lesenswerten Interviews. Roach sieht Jazz als "demokratisch" an, während die "musikalische Kreativität Europas imperialistisch" sei. Der Rassismus - auch in den anderen Interviews immer wieder als Tatsache präsentiert - sei heute sogar stärker als in den 20er und 30er Jahren. Deshalb fordert Roach eine Rückkehr zur Segregation, also der Trennung des gesellschaftlichen Lebens nach Hautfarben. Coleman wiederum erklärt im Anschluss an Roachs Interview, dass der Jazz damals aufgezeigt habe, wie überaltet das Segretationssystem war. Fragen nach Rassismus oder Hautfarbe zu beantworten lehnt Coleman ab, weil er gelernt habe, dass Besitz keine Frage der Hautfarbe, sondern der Macht sei. Der Zugang zur Macht sei zwar auch begrenzt, aber nicht unbedingt nach Regeln, die nur Schwarze diskriminieren würden. Colemans Namensvetter Steve räumt später mit dem Mythos des umgekehrten Rassismus auf, der entsteht, wenn Menschen annehmen, dass Schwarze besser Jazz oder HipHop spielen könnten, weil es "schwarze Musik" sei. Denn im Umkehrschluss bedeute das, dass alle "nicht-schwarzen" Aktivitäten besser von Weißen beherrschbar seien. Zeitgleich zum Buch erscheint ein Jazz-Sampler mit dem Namen "Respekt!", dessen Zusammenstellung ebenfalls Christian Broeckling übernahm. Neben Stücken von Jazzmusikern aus dem Buch finden sich zusätzlich Jazz-Klassiker, die in den Interviews erwähnt werden, wie "Strange Fruit" von Billie Holiday, "Original Faubus Fables" von Charles Mingus oder "Alabama" von John Coltrane. Ganz in der Tradition der (hier niedergeschriebenen) afroamerikanischen Oral History erfahren interessierte Jazzhörer im Buch aus erster Hand, welche Ideen, Werte und Meinungen hinter der Musik stecken. Und wer die Originalplatten noch nicht im Schrank hat, freut sich über die CD, die das Buch lebendig werden lässt.
|