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Deutschland wählt den Jahrhundert-Hit am 13.09.03 in der ARD 

16.09.2003

Was kann man an einem Samstagabend nicht alles wunderbares machen... Doch schon ist die Fernbedienung in der Hand, die Füsse auf dem Tisch und Biadacz guckt fern.

Na ja, ganz so war es dieses Mal nicht. Ich war allein im Raum. Die Tagesschau war aus und der Kasten läuft weiter. Eine Stimme, wie bei Star Wars am Anfang, erzählt mir was von der Gema, die jetzt 100 Jahre alt ist. Dadurch kennen wir die grössten Hits des Jahrhunderts. Denn "egal ob beim Schützenfest, bei Tanzveranstaltungen, in Kaufhäusern, beim Rundfunk, im Film oder beim Fernsehen" die Gema passt auf. Ok, denke ich mir, diese Information ist nicht die uninteressanteste, die mir je um 20:15 Uhr präsentiert wurde. Ich bleibe dran und bin gespannt, welches denn nun die grössten Hits sind. Doch Pustekuchen. Axel Bulthaupt, geschliffener Generation Golf Repräsentant, läuft ein, ignoriert das unaufhörliche Klatschen des Studiopublikums und hetzt durch seine Anmoderation. Da hätte man das Publikum auch weglassen können.

Bulthaupt erklärt die verquere, dramatiksteigernde Form der Show. Man beliess es nicht etwa dabei, die wirklich einhundert erfolgreichsten Titel zu präsentieren. Man teilte die Lieder nach eigenem Gutdünken in Kategorien ein und liess die Leser der Bild am Sonntag aus diesen jeweils Top Fünfen wählen. Das findet mancher seit Nick Hornbys Buch "High Fidelity" zwar cool, aber in diesem Falle nahm es der ganzen Sache seine Seriosität. Da braucht man doch die Gema vor vornherein gar nicht ins Boot nehmen, wenn man ihre Ergebnisse letztendlich so versauhudelt. Ich ärgere mich noch ob dieser Dreistigkeit, da werde ich schon zum Umschalten gezwungen. DJ Ötzi darf beim Hit des Jahrhunderts den Anfang machen. Ich will den Mann an sich gar nicht meinem Geschmack unterjochen, aber so einen Abend muss eine Legende beginnen.

Ich bin also im Zuschauerexil bei einem Privatsender, der einen Billy Crystal Film zeigt. Er trifft darin, als Schauspieler-Caster am Boden, einen Riesen aus Ungarn. Dieser würde ihn im amerikanischen Filmbusiness wieder auf die Beine helfen können. So strauchelt er nun zwischen Erfolg und Freundschaft, während ich ab und an einen Blick Richtung ARD riskiere. "Love me tender" von Elvis wird gespielt. Ein Elvis Double steht am Mikro, während der Original Backing Chor mitsingt. Das ist nicht die schlechteste Art das Nicht Erscheinen von Elvis zu kompensieren. Aber in der Folge muss noch mehr ausgeglichen werden. Nena will "99 Luftballons" nicht singen. Das machen dann zwei Kinder aus Star Search – The Kids für sie. Das ist grausam und obendrein ernst gemeint. Ich flüchte zu Crystal.

Der Riese ist inzwischen sauer, weil Crystal, den verhassten Spitznamen des Riesen aus Publicitygründen verraten hat. Die Freundschaft steht auf der Kippe. Ebenso wie meine Umschaltbereitschaft. Milva singt "Lili Marleen", ein schrecklicher Chor, bildchoreographiert wie zu Zeiten von Peter Frankenfeld, gurgelt "La Pastorella" und, jetzt kommt´s (!!), die Prinzen versuchen sich an "All you need is love". Ich meine, nichts gegen Ostler, aber Englisch haben sie nunmal nicht gelernt. In diesem Fall bis heute nicht. Das ist tierisch komisch, aber in diesem Rahmen leider nur peinlich und wirklich schlecht. Das ist sogar die wahrscheinlich schlechteste Coverversion aller Zeiten gewesen. Aber anscheinend kennt die Redaktion der Sendung nur TV-Dauergäste ala Die Prinzen.

Egal. Was soll man auch von so einer Sendung erwarten? Mal ehrlich, wer nimmt Sendungen ernst, die von Axel Bulthaupt, Cherno Jobatey oder (dem inzwischen leider völlig abgestürzten) Thommy Ohrner moderiert werden? Und was soll das? Warum werden musikliebende Menschen auf solch brutale Art von Musiksendungen ferngehalten? Weil man sich dann mal mit Musikern beschäftigen müsste, die ausserhalb eines Playbacks existieren? Jeder Leser möge seinen Kommentar abgeben. Vielleicht ist meine Welt zu anspruchsvoll, ich hoffe jedoch nicht. "La Paloma" gewinnt und Crystal die Freundschaft des Riesen.

Herr Bulthaupt attestierte den Scorpions fehlenden Humor, weil sie sich weigerten ihren "Winds of Change" neben diesen anderen Interpreten zu pfeifen. Es möchte eben nicht jeder eine Lachnummer sein.

Christian Biadacz

 

 

 

 


 

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