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The Bad Plus: These are the Vistas 

08.09.2003

Ein Jazz-Trio? Ich hab ein Jazz-Trio zur Rezension bestellt? Da stellt sich doch hektische Betriebsamkeit beim Rezensenten ein, wie konnte das passieren, hatt’ ich wieder die Brille nicht auf, war’s spät am Abend, vielleicht sogar nach irgendeiner feucht-fröhlichen Feier? Oder hat unser Chefredakteur mir da was falsches eingetütet? Nein, das mit dem Jazz-Trio steht in der Ankündigung, aber auch das es rockig sein soll und verlangt hatte ich es auch. Nun sieht einer von The Bad Plus immerhin Kurt Cobain ähnlich, „Smells like Teen Spirit“ steht mit auf der Playlist, die Band wurde bereits als die Foo Fighters des Jazz bezeichnet, vielleicht muss ich jetzt doch nicht verzweifelt meinen Jazz-Kumpel um Keith Jarrett’sches Vergleichsmaterial anhauen?

The Bad Plus: These are the VistasThe Bad Plus: These are the VistasUnd sobald die CD „These are the Vistas“ rotiert, sind meine letzten Befürchtungen vom Tisch, hier werden keine ausgelutschten Jazzstandards kopiert, hier haben sich drei begabte Solisten an Akustik-Bass, Piano und Schlagwerk zusammen getan, von denen sich keiner mit der schlichten Rolle des Taktgebers zufrieden gibt, alle drängen wechselweise mit Improvisationen in den Vordergrund, scheinen dabei bisweilen gegeneinander an zu spielen ohne in reinen Free Jazz abzudriften, und alle sind an den Kompositionen beteiligt. Das klingt natürlich dann deutlich nach Jazz, ist aber trotzdem (muss das wirklich ein Widerspruch sein?) modern, nicht nur, weil Nirvana, Aphex Twin(!) und Blondie rhythmisch, melodisch und/oder harmonisch dekonstruiert werden. Denn Reid Anderson (bs), Ethan Iverson (piano) und David King (drms) haben die Kraft des Rock. Und sie spielen Jazz so, dass ich zum Fan konvertieren könnte, von Claydermann’schem Schönklang bis hin zu wilden Kollektivimprovisationen und eben der Dekonstruktion des Golden Oldies „Heart of Glass“ wird diese Platte nie langweilig, bietet mit gezerrten Klaviersaiten und verfremdetem Kindermegaphon Stoff für Avantgarde-Fans wie mich, erfreut mit einer Hommage an einen Bronzemedaillen-Gewinner im Gewichtheben von 1972 und einem den Truckern Amerikas gewidmeten Song („Keep the Bugs of your glass and the bears off your ass“) den erdigen Normalo wie mich und liefert mit fast gewöhnlichen Piano-Balladen wie „Guilty“ und „Everywhere you turn“ den Stoff, mit dem Melodie- und Harmoniesüchtige wie ich ihre Freunde aus dem Haus ekeln können.

Dass hier überdurchschnittliche Instrumentalisten am Werk sind, muss nun hoffentlich nicht mehr erwähnt werden. Was sie aber von den Jarretts, Methenys und Garbareks dieser Welt abhebt, ist die Vision, dass Jazz noch immer lebendig ist und nicht nur das ewige Wiederkäuen alter Melodien und Konzepte sein muss. Diese Platte ist der Beweis. Die erste Jazzscheibe, die Einzug in meine persönliche Hitrotation findet!

Dominik Engel

http://www.thebadplus.com - http://www.sonyjazz.net

 

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