 Rotes Haus haben das erkannt. "73,29 Minutes To Save The World" heißt ihr zweites Album, mit dem sie antreten, die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt zu besingen. Gleich der erste Song über die Hamburger Verhältnisse redet Klartext: "Krieg stärkt Schills Partei, weil Krieg ablenkt vom tagtäglichen Versagen in unzähligen Fragen, die sie unendlich vertagen, viel lieber verschwenderisch Hamburgs Staatsausgaben für Krieger, die propagandistisch schwarz nur tragen, verschulden". Daran ändert auch der (vorläufige?) Abgangs Schills von der politischen Bühne nichts.In anderen Songs geht es um Vergewaltigung, Bush's Angriff auf Irak, die Flüchtlingskarawane durch Deutschland (mit dem vielsagenden Titel "Babylon By Bus") oder den Tod von Carlo Giuliani während der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua 2001. Der Refrain "This Is The Sound Of The Police" lehnt sich an den alten KRS-One-Song an. Als Antwort werden aber nicht wie im Original Polizeisirenen imitiert sondern die Sprechchöre der Demonstranten in Genua noch Giulianis Tod nachgesungen: "Policia Assassini!" Polizisten sind Attentäter. Wie die Goldenen Zitronen verweigern sich die HamburgerInnen Goetz, Jürgen, Siri und Carlos der Einordnung in ein nationalsprachliches Schema und benutzen deshalb neben deutsch auch englisch und französisch für ihre Texte. Denn dem "Man singt deutsch"-Slogan kann nur allzu leicht ein "und das ist auch gut so, denn englisch ist unkultivierter" angehängt werden. Im Gegensatz zu den Zitronen haben Rotes Haus aber weniger Probleme, mit dem Musikrichtungen so zu spielen, dass sie sich trotzdem eingängig anhören. Breakbeats werden von einer Melodica begleitet und mit Samples von Gamestation-Geräuschen versetzt. Reggae-Rhythmen mischen sich mit punkigen Gitarren, House-Beats stehen gleichberechtigt neben Harfenklängen oder Pianotönen und Techno-Stampfer harmonieren mit Rock'n'Roll-Riffs. Zu gerne würde ich einem Plattenhändler (oder einer Händlerin) dabei zusehen, wie er ratlos mit der CD in seinem Laden steht und überlegt, welcher Sparte er das Album zuordnen soll. Rotes Haus kombinieren die reflektorische Tiefe der Goldenen Zitronen mit der Tanzbarkeit von Chumbawamba, mit aktualisierten Texte im Stile von Bands wie Cochise oder Ton Steine Scherben. In die Charts werden sie damit nicht kommen, aber hoffentlich in die Plattensammlungen linker Aktivisten und Weltverbesserer.
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