 So auch Christian Graf bei der dritten, erweiterten Neuauflage seines Punk-Lexikons. Er gibt es selbst zu, die erste Ausgabe sei "löchrig wie ein Schweizer Käse gewesen", so das Vorwort der zweite Auflage. Social Distortion wurden zum Beispiel glatt vergessen. Mit der vorliegenden Neuauflage soll alles besser werden.Klar, die wirklich wichtigen Namen und Bands sind mittlerweile alle vorhanden: Die Sex Pistols, The Clash, The Ramones, The Ruts, The Buzzcocks, The Stranglers, The Jam, um nur sieben von über 950 Einträgen zu nennen. Auch die deutsche Punkszene wurde berücksichtigt, die Ärzte, die Toten Hosen, Terrorgruppe, Slime etc. finden sich im Buch wieder. Aber wo bleiben zum Beispiel Dritte Wahl, WIZO, die Wohlstandskinder, AEW, No Respect, Heiter Bis Wolkig, Tod & Mordschlag und Quetschenpaua oder Atari Teenage Riot? Oder auf internationaler Ebene Refused? Dafür zeigen die Einträge von Lokalbands wie Drei Flaschen in'na Plastiktüte oder New Society, warum eine engagierte Plattenfirma wichtig ist, die den richtigen Stellen mal einen Tipp gibt. Immerhin hat der Autor beim Schreiben keine Scheuklappen aufgehabt und gibt auch den Bands ein Zuhause, die sich von der Punk-Vorgabe "Eine Gitarre und drei Akkorde" musikalisch nicht haben einschränken lassen. Mit The Selecter und The Specials werden zum Beispiel ausführlich zwei Ska-Bands beschrieben, die musikalisch zwar wenig mit Punk gemein haben, aber spätere Punkbands gehörig beeinflusst haben. In diesem Zusammenhang ist dem Autor leider ein Schnitzer unterlaufen, der jedem Punk-Liebhaber (und natürlich auch jeder Punk-Liebhaberin) den Iro plättet. Unter dem Stichwort "Ska Revival" werden Bands tatsächlich als "gemischtrassig" bezeichnet! Warum ich mich aufrege? Wer sich das fragt, der sollte sich überlegen, ob er statt eines Punk-Lexikons nicht lieber ein aktuelles Bio-Buch kaufen sollte. Oder um es mit einem punkigen Slogan zu sagen: "One Race, Human Race!" Ebenso haarsträubend, wenn ich mir diesen Witz erlauben darf, ist der Eintrag "Skinheads". "Meint glatzköpfige, in der Regel in Horden auftretende, häufig aggressive, gut organisierte, rechtsradikal oder faschistisch geprägte Jugendbanden", werden sie definiert. Aaargh! Ich empfehle dem Autor dringend die Lektüre des Kapitels "Skinheads und Rassismus" im Buch "The Philosophy Of Punk", welches Christian Graf auch als Buch-Tipp aufführt. Ja, so ist das bei Lexika. Einige kleine Schnitzer führen dazu, dass die Glaubwürdigkeit des gesamten Buches leidet. Dabei ist der größte Teil der Eintragungen korrekt, soweit es mein bescheidener Horizont erlaubt. Aber bei mir stehen auch Platten im Schrank, die der Autor aufzuführen vergaß. Besonders peinlich ist das bei der DDR-Punkband Feeling B, von der im selben Verlag vor einigen Monaten eine ausführliche Biografie inklusive Diskografie erschien, die unter dem Band-Stichwort auch genannt ist. Ich traue mich fast nicht mehr, es noch zu erwähnen. Ein Lexikon über eine Musikrichtung kann sie nie nur auf die Aufzählung von Bands, Musikern und Label beschränken. Ob Reggae, HipHop, Jazz oder eben Punk, keine dieser Musikrichtungen entwickelte sich losgelöst vom historischen Kontext und jede dieser Musikarten hat ein eigenes Wertesystem, eigene Symbole und Regeln, die erklärt werden müssen. Graf bemüht sich, indem er die Einträge "Ratte" oder "Sicherheitsnadel" auflistet. Aber die wichtigen Stichworte wie "Anarchismus", "D.I.Y." oder "Straight Edge" fehlen und ohne diese wäre Punk nur schlechte Musik. Klar, das alles klingt wie ein Klagelied. Aber mal ehrlich: Habt ihr schon eine ausführliche Rezension über ein Lexikon gelesen, in dem stand, dass alle Aspekte des Themas genügend berücksichtigt wurden? Und ob im Brockhaus Stichpunkte zu Bands wie Bikini Kill, Crass, Oi Polloi oder Naked Aggression zu finden sind? Upps, warte, letztere steht auch nicht im Punk-Lexikon.
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