 Aber jetzt kommt der Ausgleich. Der Tagesspiegel kürt Kantates neue Single "Görli Görli" zum "Berliner Sommerhit des Jahres" und die lokalen Radiosender - immerhin mehr als fünf - spielen den Song rauf und runter. Dabei hat "Görli Görli" mit dem Sommer gar nichts zu tun. Es ist vielmehr eine Berliner Eigenart (Auswärtige nennen es Krankheit), die das Lied in der Hauptstadt so beliebt macht: Der Lokalpatriotismus.Soziologen wissen, dass soziale Gruppen durch Druck von außen ihre Identifikation festigen. Durch Bismarcks Sozialistengesetz von 1870 und seinem Kulturkampf gegen die Katholiken beispielsweise sind diese beiden Milieus, die der Arbeiter und Katholiken, besonders langlebig geworden. Auf die Berliner prügelt zwar kein Bismarck mehr ein, aber dessen Dialekt wird als rau, unhöflich und schnoddrig aufgefasst. Natürlich nur von Besuchern der Stadt. Deutschlehrer schlagen die Hände über dem Kopf ob der falschen Grammatik ("Ick wundre mir") zusammen und der Schriftsteller Willibald Alexis meinte im letzten Jahrhundert gar, dass sich der Dialekt aus allem "Kehricht und Abwurf der höheren Gesellschaftssprache" zusammensetze. Diese äußeren Angriffe führen vielleicht dazu, dass P.R. Kantate einerseits im musikalischen Berliner Untergrund als "real" geschätzt und andererseits gute Chancen auf einen Charterfolg hat. Denn seine Songs bestehen aus schönstem Berlinerisch, "stilisiertes Berlinerisch" nennt er es. Dazu kommt, dass Görli Görli (eine Coverversion von Sophia Georges "Girlie Girlie") all die Straßen, Parks und Plätze aufzählt, die echte Berliner und Zugereiste in ihre Herzen geschlossen haben: "Mancheina wohnt am Kutschi Kutschi oda am Ritschi Ritschi, meine Freundin kommt vom Rüdi Rüdi und du wohnst anna Eberswalda". Nicht verstanden? Keen Berliner, wa? Trotz des offensichtlichen Berlin-Bezuges reicht Kantates Botschaft weiter: "Görli Görli steht stellvertretend für jeden Flecken auf der Erde, wo man sich Zuhause fühlt, das sagt ja auch die Zeile 'wo wohn ich, wo wohnst du, wo wohnt deine janze Crew? Wo fühlst du dich Zuhaus, was siehst du von deinem Fenster aus?' Jeder beantwortet das für sich selbst und feiert dementsprechend seinen eigenen Kiez." Dass die Hymne an den Wohnort auch außerhalb Erfolg haben kann, zeigte schon "Mutterstadt" von den Stuttgartern Massive Töne. Auf der Vinyl-Single befindet sich nur der Song, ein Soca-Remix und - für DJs interessant - jeweils das Instrumental davon. Auf der Maxi gibt es neben zwei unterschiedlichen langen Versionen des "Görli Görli"-Liedes auch den Soca-Remix von DJ Krutsch, der sich schon für Mellow Mark an die Mixer setzte. Für die fehlenden Instrumentals gibt es den Song "Günther @ muss". Dieses Konzentrat der Berliner Umgangssprache ist auf dem besten Wege, Kult zu werden. Natürlich nur in Berlin.
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