 Ihr wurdet mal als Kulturpessimisten bezeichnet. Versteht ihr das?Judith: Bei mir ist es so, wenn ich so etwas wie "Guten Tag" schreibe, macht es mich glücklich. Das, was einen am unglücklichsten macht, ist ja, wenn man sich zahnlos fühlt, wenn man das Gefühl hat, nichts sagen oder machen zu können. Deswegen finde ich, das optmistischste was man tun kann, seine zeternden, krakelenden Lieder über sowas zu schreiben. Wie sind die Texte der ersten beiden Singles entstanden? Judith (überlegt): Fast schon vor vier Jahren, habe ich angefangen, mich sehr intensiv mit Werbekritik und Konsumkritik zu beschäftigen. Warum? Judith: Es war mir sowieso schon immer ein Anliegen, aber ich war in einem Studiengang, in dem ich ziemlich verloren war, ich habe Kommunikation studiert, bis vor anderthalb Jahren. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es ein Werber-Studiengang ist. Und bin dann ziemlich schnell damit konfrontiert worden, dass das da die zukünftige Kokserelite Deutschlands ist, die da studiert. Da wurde über Ethik gekichert und da war ich relativ unzufrieden mit. Da muss man acht Monate lang ein Studienprojekt machen. Da habe ich mir dann, inspiriert von Aktionen wie dem "Buy Nothing Day", mit ein paar anderen Leuten, in den Kopf gesetzt ein Werbeprojekt für Werbekritik zu machen. Und zu dieser Zeit hatte ich dann einen sehr geschärften Blick für dieses Thema, und merkte, dass eine ganze Menge Leute genauso unglücklich mit dem sind, was ihnen als Glück verkauft wird, wie ich. Dann kam unser Keyboarder Jean und hatte diese Musik. Da habe ich ganz untypischerweise meinen Text drübergebügelt. Da habe ich zwei Tage gebraucht. Ich bin ansonsten sehr langsam, aber das ging einfach so. Kennt ihr diese französische Uptempo Nummer aus den Achtzigern: "Ca Plane Pour Moi" von Plastic Bertrand? Judith: Ja, das kennen wir vor allem seit wir "Guten Tag" draussen haben wieder sehr gut (kichert in Polas Richtung). War die Ähnlichkeit unbeabsichtigt? Judith: Unbeabsichtigt auf jeden Fall. Unbeeinflusst kann man, ehrlich gesagt, selbst nicht wissen. Wir glaubten ja etwas viel Älteres zu zitieren, was wahrscheinlich Plastic Bertrand auch schon zitiert hat, nämlich ein gutes altes Rock and Roll Riff. Ist ja ein total simpler Song. Eigentlich klingen alle Songs von den Ramones genau so, nur dass die keinen Synthie dabei haben. Der Song lebt aber sowieso nicht davon, dass er akkordisch etwas tut, dass noch niemand anderes getan hat. Aber ich finde das Lied geil. Lieber mit Plastic Bertrand verglichen werden als mit irgendwas Doofem. Ich frage aufgrund des aktuellen Bastard-Pop Trends, bei dem zwei verschiedene Lieder zu einem verquickt werden. Pola: Da war kein Bewusstsein dahinter. Bei uns entstehen Songs eher aus dem Bauch. Bis jetzt hat die meisten Songs Judith auf der Klampfe geschrieben und dann haben wir eben eine Bandversion gemacht. Bei "Guten Tag" hat Jean eben die Musik mit einem La La Text angebracht. Der ist so ´ne Gebärmaschine, macht ganz viele Songs und stellt die uns dann vor. Und bei dem Song haben wir sofort getanzt und gerufen, geil!, das machen wir. Judith hat einen Text drüber gemacht, dann haben wir das zusammen arrangiert und schon war der Song fertig. Judith: Wobei ich zitierfreudige Musik schon gut finde. Und ich glaube, dass wir im Kleinen auf dem Album schon gerne zitieren. Ich meine stilistisch. Weil in der Band jeder unheimlich verschiedenartige Musik hört, die nicht einfach so zusammengebracht werden kann, und wir trotzdem alles machen wollen, was wir gut finden. Deshalb zitieren wir alles so leicht an, was wir in dem Moment gerade lustig finden. Achtziger Jahre meets kleine Bluesriffs meets, weiss ich nicht... Country-Zitate. Wir kichern da immer drüber. Also, Musikzitate finde ich eine gute Sache. Wie steht ihr zum NDW Sound? Pola: Es ist so: "Guten Tag" ist der NDWigste. Wobei diese Zeit ja immer zeitlich sehr zusammengefasst wird. Man darf DAF nicht mit Markus in einem Topf werfen. Aber es ist schon klar, was man als NDW Sound versteht. Judith: Synthies! Ja, aber es gibt da bestimmte Synthiesounds. Judith: Stimmt! Pola: Die Einflüsse sind mal mehr, mal weniger vorhanden. In manchen Songs auch gar nicht mehr. Dafür kommen mal Bluesgitarren rein... Wenn Du in Berlin lebst, gibt es auch Moden. Die Leute tragen auf einmal verrückte Sachen. Manche findet man geil, andere nicht. Und das fliesst natürlich auch ein. In deine Kleidung und in dein Schaffen. Wenn man anfängt sich davor zu verschliessen, kommt dabei nicht viel raus. Die Musik, die man macht, ist ja auch immer eine Reflektion seiner Lebenssituation. Es ist halt so, dass wenn Sachen lange genug weg waren, machen die wieder Spass. Das ist wie ein Geschmack, den man lange nicht geschmeckt hat. Man sucht halt auf dem Keyboard einen Sound und nimmt einen, den man vor fünf Jahren vielleicht nicht genommen hätte. Das machen dann ein paar Bands gleichzeitig und schon ist ein Trend da. Aber wir sind keine NDW Revival Band! Christian Biadacz
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