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Tanja Ries spricht über ihre neue CD und sich selbst 

18.10.2002

Mit „Metanoia“ hat es Tanja Ries mal wieder geschafft, kleine Disharmonien und Ungereimtheiten mit wunderschönen Melodien und großen Gefühlen zu vereinen. Schwere und gleichzeitig sanfte Melancholie füllt den Raum, die durch Klavier und Cello jedoch immer wieder aufgelockert wird. Wie Lichtblicke in der Dämmerung wandelt sich die Stimmung nach oben, nach vorn, geradeaus. Nur die Tiefe bleibt.

Tanja Ries spricht über ihre neue CD und sich selbstTanja Ries spricht über ihre neue CD und sich selbstTanja Ries - Künstler- oder wirklicher Name?

Natürlich mein wirklicher Name. Am Anfang wollte ich das „Ries“ immer noch weglassen oder verändern, da mir das nicht so gut gefallen hat. Aber dann war es zu spät – und schließlich gehört der Name ja auch zu mir seit ich denken kann.

Die Medien berichten über Dich im Zusammenhang mit dem Wort Chanson - aber Deine Lieder würde ich nicht als Chansons bezeichnen. Wie kommt das?

Das hat meiner Meinung nach mehrere Gründe. Zum ersten, wenn man sich meine erste CD anhört, habe ich sehr wohl in der Tradition des Chansons angefangen, wenn auch so, dass unsere Musik von Anfang an als modern bezeichnet wurde, - und wenn die Medien sich einmal festgefahren haben ... Zum zweiten hat einfach noch niemand einen passenden Alternativbegriff für unsere Musik gefunden. Pop-Chanson war schon im Gespräch, Großstadtsymphonien usw. Wir machen eben Musik, die sehr schwer zu klassifizieren ist. In den Medien ist natürlich die Sehnsucht Musik in eine Schublade zu stecken sehr groß, in den Regalen der Plattengeschäfte im übrigen auch. Ich glaube, in anderen Ländern würde man vielleicht einfach Pop dazu sagen – auch die Beatles, Tori Amos oder Björk gelten als Pop – in Deutschland hat das Wort Pop jedoch immer noch einen recht oberflächlichen Touch – so suchen wir eben weiter nach Worten für unsere Musik und hoffen, dass es irgendwann keiner Worte mehr bedarf, da wir uns durchgesetzt haben.

Wie würdest Du Deine Musik einem taub gewordenen Menschen erklären?

Meine erste Assoziation war das Meer. Rhythmen in denen man sich verlieren kann, manchmal in einer sehr großen Ruhe, ein andermal dem Sturm nah. Vom Gefühl her ein wenig wie beim Schnorcheln; - in den Schichten des Meeres, wo sowohl die unendliche Tiefe greifbar nah scheint, als auch die Sonne durchdringt und mit den Farben spielt. Und natürlich ist es ein sehr warmes und angenehmes Meer. Vielleicht sollte ich ja mal noch ein paar Freunde fragen, wie sie diese Frage beantworten würden – das würde mich ja sehr interessieren. Eine Freundin: Ich kannte mal einen taubstummen Barmann der unheimlich gern in die Disco ging, auf meine Frage wie das sei, ohne hören zu können, fasste er sich lächelnd an sein Herz und sagte „ich fühle“. Ein Freund: Das erste Bild, das mit einfällt, ist die Schönheit von Eisblumen; alles so zu sehen wie es ist und doch von einem milchigen Schleier verdeckt, der dem ganzen eine neue Dimension verleiht. Enthüllen durch Verschleiern.

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Tanja Ries spricht über ihre neue CD und sich selbstTanja Ries spricht über ihre neue CD und sich selbstWas bedeutet das Wort "Metanoia", welches Du als Titel Deiner neuen CD gewählt hast?

Für mich bedeutet es ein Umkehr im Leben, ausgelöst dadurch, die eigenen Schattenseiten anerkannt und integriert zu haben, und somit, quasi als Folge dessen, einen anderen Blick auf die Welt zu haben, eine neue Verbundenheit zu empfinden. Ich habe diesen Begriff zum ersten mal gelesen in einem Buch von Sam Keen („Die Lust an der Liebe“) und möchte daraus noch gerne zitieren, da mich das sehr berührt hat.

Metanoia ist Reue, Wiederaneignung des Schattens, Kehrtwendung und die Flexibilität, viele verschiedene Perspektiven anzunehmen. ....die alten Karten ... erkennen an, daß wir in der Lebensmitte einen langen Prozeß der Reinigung und der Reue beginnen... ... im tantrischen Schema ... müssen wir alle unsere geheimen Gedanken ausdrücken, unseren Projektionen entgegentreten ... Metanoia bedeutet das Ende einer Politik der Stärke. Ich ergreife einseitige Initiative und bin zu Vorleistungen bereit. Ich reiße die Abwehrmechanismen ein die mich am Leben hindern ... ich löse mein Pentagon auf. Die Praxis der Metanoia erfordert den seltensten Typ von Mut – den Mut sich zu irren, zu bereuen und von vorne zu beginnen. Die einzige Möglichkeit das Gesetz (zwanghafter Zyklus von Selbstgerechtigkeit u. Rache) zu brechen, liegt darin, Metanoia und Vergebung zu praktizieren. Wir können niemals etwas Neues ohne Versöhnung anfangen. ....verändert die Grundstruktur des Bewußtseins vom Antagonismus hin zu Mitgefühl. Wenn ich meine Schatten kenne, weiß ich, daß „sie“ sind wie ich.

aus dem Lexikon: „Philosophie - Änderung der Lebensauffassung, Erwerb einer neuen Weltsicht.“

In einem Radiointerview bin ich letzte Woche noch mit der Bedeutung „von Abhängigkeiten ablassen“ konfrontiert worden, was ich auch sehr passend finde.

Oft werde ich nach diesen Erklärungen gefragt, wie stark die Titelwahl Metanoia von persönlichen Erlebnissen beeinflusst ist, bzw. welche Veränderungen in meinem Leben stattgefunden haben.

Die Wahl eines Titels geschieht bei mir in der Regel sehr intuitiv, und meist, im Laufe der Tour, oder auch wenn ich so ein Interview beantworte wie gerade im Moment, wird mir der Zusammenhang mit den Texten auf der Platte bzw. meinen eigenen Lebensprozessen immer klarer aufgezeigt.

Du zeigst Dich mit den Fotos auf der neuen Platte von einer ganz anderen Seite. Möchtest Du damit auf etwas aufmerksam machen, provozieren oder gar einen Imagewechsel vollziehen?

Ich habe für die Gestaltung der Photos und des gesamten Covers das große Glück gehabt, mit dem Photographen Jörg Grosse-Geldermann (next-berlin) zusammen zu arbeiten und von meiner Plattenfirma Traumton unterstützt zu werden. Ich schätze es sehr, für solch eine Aufgabe den Blick von außen und die Kreativität anderer Menschen zu nutzen, denn ich selbst werde in dem Bild von mir nie so weit gehen können wie andere. Auch hat Jörg in mir und meiner Musik neue Aspekte gesehen.

Natürlich ist von uns in der Zusammenarbeit mit Traumton und dem Produzenten Wolfgang Loos auch ein Imagewechsel angestrebt, man könnte auch sagen: die Essenz unserer Musik zu zeigen, und uns endlich von Begrifflichkeiten wie Kleinkunst und Chanson auch in den Medien zu lösen

Wo kommen Dir die Ideen und Inspirationen zu solchen Texten? Arbeitest Du tagelang an den Formulierungen oder sind das Deine Gedanken, die von Dir einfach nur aufgeschrieben werden?

Die Ideen und Inspirationen zu den Texten entspringen dem Leben, meinem und dem was ich um mich herum wahrnehme, ab und an sind es auch einzelne Worte oder Sätze, die in mir eine Reihe von Assoziationen auslösen. Sobald nach einer Phase des Erlebens ein wenig Ruhe eintritt, beginnen sich diese Eindrücke zu sortieren und suchen ihren Ausdruck.

Zudem sind es mehr meine Gefühle, denn meine Gedanken, die dann in den Texten ihren Ausdruck finden – der erste Impuls zu schreiben, ist ein emotionaler. Die meisten Songs entstehen in einem Guß, was meint, Text und Melodie entstehen gleichzeitig. Die Arrangements und der Grundsound den ein Song hat werden dann von der Band gemeinsam im Proberaum kreiert.

Du hattest Premiere und somit auch das erste Konzert der Tour im Berliner BKA-Luftschloss - ein sehr schönes und großes Zelt. Was hast Du erwartet und wie war es?

Die Premiere war wundervoll. Es ist immer ein sehr schöner Moment, eine CD an der wir lange gearbeitet haben einem Publikum vorzustellen, vor allem, wenn wir, wie jetzt, sehr zufrieden damit sind und auch als Band sehr viel Freude an der Musik haben. Unser Licht- und Tontechniker Burkhardt Schummer, mit dem wir schon seit Jahren zusammenarbeiten, hat sich im Bühnenbild mal wieder selbst übertroffen, - und wir sind dann irgendwann glücklich in einem Blumenmeer versunken. Leider hat die Berliner Presse uns dieses Jahr ein wenig links liegen gelassen, was natürlich Auswirkungen auf die Besucherzahlen hatte. Die Veranstalter des BKA-Luftschlosses sind jedoch auch sehr angetan, und so wird es auf jeden Fall eine Wiederaufnahme in Berlin geben.

Du hast bereits in Berlin eine eigene Veranstaltungsreihe aufgebaut "Tanjas Nachtcafé" und demnächst wird das Pop-Musical "Engel wie wir" wieder aufgeführt, welches Du mit vielen Jugendlichen zusammen geschrieben und auf die Bühne gebracht hast. Wann hast Du da noch Zeit für Deine eigene Musik?

Das Nachtcafe hatte ja viele Jahre lang einmal in der Woche, am Sonntag seine Tore geöffnet, da blieb schon noch genug Zeit für die eigenen Musik. Im Jahre 2000 habe ich dann damit aufgehört, da es in mir nach Veränderung geschrien hat – dann kam eine neue Show in der Trompete und die Jugendlichen, mit denen ich dann gemeinsam das Pop-Musical „Engel wie wir“ aus der Taufe gehoben habe – eines der größten Projekte, das ich bisher begleitet und geschrieben habe. In den Intensiv-Phasen dieser Arbeit gab es natürlich keinen Raum mehr für die eigene Musik, aber das war auch ein bisschen wie Urlaub von sich selbst zu haben, das eigene Ego mal für eine Zeit an den Nagel zu hängen – und danach mit einer ganz neuen Energie und neuen Ideen wieder zu sich zurück zu kommen.

Was kannst Du jungen Künstlern mit auf den Weg geben. Sie machen seit Jahren zusammen Musik hinter der sie auch stehen und haben in Ihrer Stadt auch einige Anhänger gefunden. Nun wollen sie aber raus in die weite Welt.

Natürlich ist es super, in solch einem Moment eine tolle Agentur und Plattenfirma zu haben. Wir wissen ja mittlerweile alle, dass dieser äußere Erfolg nicht allein von Qualität, sondern einer guten Promotion und eben auch dem Geld, das in diese Promotion reingesteckt wird, abhängt. So kann ich als wichtigstes nur mit auf den Weg geben, an sich selbst zu glauben und im Leben das zu tun was einem erfüllt und erfreut – denn darauf haben wir ja einen ganz direkten Einfluss, der Rest kommt von alleine und ist vielleicht dann gar nicht mehr so wichtig.

Was wird nach der Tour kommen? Wo wird man Dich wieder sehen? Was sind Deine Pläne?

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich das noch nicht – was ja auch ein großes Stück meines Lebens ausmacht, die Freiheit nicht schon alles verplant zu haben. Ich habe dieses Jahr „Engel wie wir“ (was jetzt im Oktober Wiederaufgeführt wird) auf die Bühne gebracht und eine neue CD, und auch privat einiges Chaos hinter mir gelassen – so, dass ich jetzt erst einmal ganz entspannt auf Tour gehen werde und schaue, was die Zeit so bringt. Es brodeln da zwar schon ein paar Ideen in mir, aber es ist noch ein bisschen zu früh, um über „ungelegte Eier“ zu sprechen. Hihi.

-> Das große Tanja Ries-Special

http://www.tanjaries.de - http://www.traumton.de - http://www.rampensau.de

  • 18.10.2002 Klagenfurt, Künstlerhaus
  • 29.10.2002 Hannover, Gig
  • 30.10.2002 Schwerin, Thalia
  • 31.10.2002 Kiel, KuZ Hansastrasse
  • 01.11.2002 Bielefeld, Neue Schmiede
  • 02.11.2002 Berlin, BKA-Luftschloß
  • 03.11.2002 Berlin, BKA-Luftschloß
  • 14.11.2002 Solingen Steinenhaus
  • 15.11.2002 Köln, Atelier-Theater
  • 16.11.2002 Köln, Atelier-Theater
  • 17.11.2002 Duisburg, Hundertmeister
  • 22.11.2002 Weimar, Kasseturm
  • 24.11.2002 Weinböhla, Zentralgasthof
  • 12.12.2002 Fautenbach, Im Wagen
  • 14.12.2002 Bad Nauheim, Überflieger
  • 15.12.2002 Pfungstadt, Kikk
  • 15.03.2003 Heidelberg, Kulturfenster
  • 23.05.2003 Potsdam, Nikolai-Saal

 

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