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Interview mit Silveretta! 

28.09.2002

Seit zweieinhalb Jahren ziehen Chris, Andi und Frieder unter Silveretta durch das Umland von ihrem Heimatort Reutlingen und gehen nun mit “1st Aid Kit“ in die Offensive. Sie haben unsere Redaktion angeschrieben und prompt kam ein kleines Interview zustande, dass wir nicht vorenthalten möchten. Falls Ihr Interesse habt mehr über “1st Aid Kit“ zu erfahren, könnt ihr hier klicken, denn die Platte wird im Eigenvertrieb unters Volk gebracht.

Interview mit Silveretta!Interview mit Silveretta!a.jo: Was hat Euch als ausschlaggebenden Punkt bewegt zu musizieren? Seid Ihr die typische Schulband-Formation die Ihre Ideale weiterleben möchte?

Chris: Ich persönlich mache schon seit ich 14 bin Musik. Zu einer Bandgründung kam es aber nie. Früher habe ich zu vielen Gelegenheiten die Klampfe ausgepackt und mit anderen Leuten gejammt und herum improvisiert. Doch wenn es um das gründen einer Band ging, war es dann jedes Mal ziemlich ernüchternd, da die konkreten Vorstellungen wie Musik zu klingen hat einfach meistens zu unterschiedlich waren. Als ich Andi kennen lernte, wurde mir aber klar, dass wir einfach eine Band gründen mussten. Zwar kamen wir eigentlich aus sehr unterschiedlichen Musikrichtungen, doch eines hatten wir gemeinsam: Die Versessenheit auf Musik. Und so machten wir erstmal zu zweit Musik und hatten jede Menge Spaß dabei. Wir suchten dann lange Zeit einen Bassisten, dem Musik genauso wichtig war wie uns beiden. Da kam dann Frieder mit in das Boot. Ich kannte ihn schon länger, und wir wollten schon früher mal Sound machen, das verlief sich dann aber immer wieder. Also was lag näher ihn jetzt mal anzuhauen...

Andi: Ursprünglich spielte ich in einer Crust-Punk-Band, welche sich aus dem idealistisch/anarchistischen Punkrock-Gedankengut entwickelt hat, sein Missfallen an der Gesellschaft in die Welt hinaus zu grölen (mit 16 Jahren, höhö). Danach folgte eine Punkrockband, mit abgefahrenen Gigs in BaWü, diese Kapelle hatte das Zeug zu Höherem, aber die Wege trennten sich aus verschiedenen Gründen...Entwicklungsphase...Nachdem ich nach Reutlingen gezogen bin, war Chris der erste Musiker, den ich kennengelernt habe und der auch noch die Muse hatte diese Art von Musik (die wir jetzt machen) band-mäßig umzusetzen. Kurze Zeit später kam Frieder hinzu, der auch die Faxen dicke vom grunge-verseuchten Sound in Reutlingen hatte. Frieder: 1989, gerade zum ersten Mal NewModelArmy gehört.

a.jo: Warum macht Ihr Musik und wie geht Ihr mit negativen Kritiken um?

Andi: ...weil es Spaß macht und Freude bringt!!! Bei negativen Kritiken schau ich erstmal, wer sich da über uns ausgelassen hat. Sind es Leute von denen ich weiß, daß sie den Sound einschätzen können, bin ich manchmal sogar zu kritikfähig. Alle anderen kann ich nicht ernst nehmen.

Chris: Musik muss kicken! Es muss Spaß machen. Das wird einem immer wieder dann bewusst, wenn man mal eine Zeit lang sein Instrument nicht mehr in der Hand hatte oder wieder auf einem geilen Konzert war oder sich eine schöne Scheibe anhört...und vielleicht bei tausend Gelegenheiten mehr...Es kribbelt immer wieder in den Fingern. Konstruktive Kritik ist wichtig und hilft einem oft wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Fast noch wichtiger finde ich die Kritikfähigkeit sich selbst gegenüber...Bei negativer Kritik schau ich aber immer erstmal woher die denn kommt um dann zu schauen ob ich mir die zu Herzen nehme oder nicht.

Frieder: Kann eben nicht Fussball spielen...

a.jo: Was ist Euer Hauptanliegen, dass Ihr nach außen treten wollt?

Chris: Also wenn ich die Frage richtig verstehe, dann meinst du warum wir versuchen unseren Wirkungsradius zu vergrößern, oder? Es macht eine Weile lang Spaß in Clubs zu spielen die praktisch vor der Haustüre liegen, doch irgendwann hat man das Gefühl so nicht weiter zu kommen. Das fällt einem dann auf, wenn man das dritte mal in 2 Jahren im selben Club auftritt. Es macht einfach auch Spaß, in anderen Städten zu spielen, neue Leute kennen zu lernen, unterwegs zu sein. Das ist unser eigentliches Anliegen.

Andi: There´s no message!!! Und treten tun wir auch nicht, höchstens uns gegenseitig, wenn der andere sich verspielt hat.

Frieder: Zu den "anderen" gehören.

a.jo: Welche Ideen oder Idealvorstellungen von dem, was Ihr erreichen wollt, hättet Ihr?

Andi: Ideal wäre die Möglichkeit, wann immer wir wollen ins Studio gehen zu können um neue Ideen aufzunehmen. Am aller, aller, aller idealsten wäre dann noch ein Label, dass uns unterstützt.

Chris: Andi bringt es auf den Punkt. Ein Label wäre natürlich toll! Es hängt ziemlich viel Arbeit an so einer Band. Die Finanzen sind immer super knapp und die organisatorische Arbeit verschlingt auch immer viel Zeit. Es wäre einfach toll, wenn ein Teil dieser Dinge eine gefestigte Grundlage hätte und eben Unterstützung bekommt.

a.jo: Wollt Ihr gerne von Eurer Musik leben oder inwiefern ist Euch Eure Unabhängigkeit von der kommerziellen Musik wichtig?

Chris: Eigentlich war das nie ein Ziel mit unserer Musik ernsthaft Geld zu verdienen. Es wäre natürlich schon geil, wenn die Bandkasse nicht immer bis zum Anschlag leer wäre. Aber hey, mal schauen was die Zukunft so bringt! Wenn mehr geht, sind wir auf jeden Fall dabei. Die Unabhängigkeit von der kommerziellen Musik ist aber trotzdem einer unserer Hauptideale! Das verschafft einem die Freiheit das tun und lassen zu können was man will.

Andi: Ich glaube, viele Leute wissen Konzerte in kleineren Clubs nicht (oder nicht mehr) zu würdigen. Ich genieße die Zeit, wenn wir unterwegs sind und coole Leute (und wenn es nur eine Handvoll sind) uns beim sounden zusehen, auch wenn es dabei nur wenig oder gar keine Kohle gibt.

Frieder: Keep it like a secret!

a.jo: Was möchtet Ihr mit Eurer Musik transportieren?

Chris: Alles was du willst! Anhören, hineinfühlen...

Andi: There´s still no message! Die Leute, die sich mit uns und unserer Musik die Zeit vertreiben, sollten sich einfach mit uns und unserer Musik die Zeit vertreiben. Wenn es dann noch Spaß bringt, um so besser!

Frieder: Mit einem alten Citroen in den Sonnenuntergang fahren.

Interview mit Silveretta!Interview mit Silveretta!a.jo: Gab oder gibt es jemanden bzw. eine Band die für Euch sehr prägend war oder ist?

Chris: Yep :)

Andi: Ja, gab und gibt es.

Frieder: Zinedine Zidane, größter Franzose der Welt und Meister aller Klassen.

a.jo: Wie steht Ihr zu Idolen, gibt es sie für Euch? Falls ja, welche?

Chris: Idole? Kann man das essen? Nein, im Ernst: Es gibt einige gute Musiker/Bands, die alle ein Stück weit genial waren oder sind. Mit der Zeit wechseln die Bands -je nach Stimmung- die man sich anhört und ohne die man zu genau dieser Zeit einfach nicht leben kann. Hey, kennst du Motorpsycho? Oder Fireside? Oder King Crimson? Oder Mr. Cash? Oder Nick Drake? The Who? Caesars Palce? Spirit? Oder..?!?"?§..-.

Andi: Es gibt wahrlich eine Handvoll Kollegen, die die musikalische Genialität im Blut haben. Diese werden dann auch respektiert und deren Tonträger gekauft. Ein Idol, hab ich nicht, aber einer der diesem nahe kommt wäre wohl Zinedine Zidane (der spielt aber leider beim falschen Verein)

Frieder: Kristofer Aström sei Dank für alles, was er macht bzw. nicht macht.

a.jo: Wenn Musikstile umschrieben werden, treten meisten hyper-groovige oder crunchige-crossover Wortschöpfungen auf. Welchen Begriff oder welches Genre würdet Ihr gerne mit Eurer Musik in Zusammenhang gebracht sehen?

Chris: Postneoretrostereo-Core. Or simply say Felsen in Änglüsh

Andi: Wie oben erwähnt, kommen wir aus einer völlig Grunge bzw. Crossover verseuchten Stadt. Von daher wäre mir schon geholfen, wenn nirgendwo erwähnt wird, daß wir von dort sind. Ansonsten hat jeder die Freiheit, sich für unseren Sound eigene Metaphern einfallen zu lassen. Frieder: Na ja, wir benutzen halt Gitarren...

a.jo: Gibt es ein Ziel oder einen Traum, den Ihr gerne erreichen würdet?

Chris: Zufriedenheit mit sich und seiner Umwelt und dazu einmal Urlaub in der Karibik. Was die Band angeht: Ach Andi, sag du.

Andi: Bezogen auf die Kapelle, wäre das wie bereits erwähnt, ein unbegrenzter Studioaufenthalt und ein nettes Label.

a.jo: Auf Eurer Homepage gibt es keine Bandbiographie und spärliche Informationen über Euch? Möchtet Ihr als Personen eher im Hintergrund bleiben?

Chris: Ich bin der Meinung, dass man eine Band ruhig an ihrer Musik charakterisieren sollte. Wer will schon wissen, wie viele Pickel ich auf der Nase habe oder was für ein Deo ich auf dem und dem Gig dran hatte. Bestimmt wird sich in Zukunft noch einiges tun auf der Homepage, aber die Atmosphäre steht dabei immer im Vordergrund. Ich persönlich finde Bands immer interessanter, wenn sie sich nicht durch einen gerade angesagtes Image oder ihre Visagen definieren (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel). Trotz alledem arbeiten wir ständig daran neue Ideen umzusetzen wie zum Beispiel Band T-Shirts, Aufkleber etc. Dazu gehört natürlich auch der weitere Ausbau unserer Homepage...

Andi: Der Chris arbeitet an der Homepage und der macht das alles selber und der macht das toll. Außerdem gibt es uns ja noch nicht super lange, so dass wir an der Biographie noch am arbeiten sind. In der Tat bin ich wohl immer derjenige der bremst, wenn Infos über Personen erzählt werden sollen. Ich finde das nicht so wichtig. Wenn uns jemand als Person kennenlernen möchte, besteht ja die Möglichkeit uns bei Konzerten anzusprechen (oder via Internet ein Interview mit uns führen). Finde ich auch viel sympathischer (wenn ich nicht gerade geperzt habe und keine Lust auf Kommunikation habe).

Frieder: Im Moment habe ich einen Pickel unter dem rechten Auge, zwei unterhalb des linken Mundwinkels und einen am Kinn. Sieht scheiße aus, wenn Du mich fragst.

a.jo: Was bedeutet eigentlich Euer Bandnamen und wie habt Ihr ihn für Euch gefunden?

Chris: Frieder!!!

Andi: Frieder???

Frieder: Eine blöde Geschichte. Die Silvretta ist ein gottverdammtes Bergmassiv in den Alpen, da ich mich aber auf gefährliches Halbwissen verlassen habe, ist noch ein "E" dazugekommen, die anderen fanden es gut, und dann hat das Alles irgendwie noch mit meinem Vater zu tun. Ich werde mir eine bessere Erklärung zusammensuchen, versprochen...

Interview mit Silveretta!Interview mit Silveretta!a.jo: Im welchen Zeitraum sind die einzelnen Songs auf Eurer "First Aid Kit" CD entstanden?

Chris: Ich glaube innerhalb eines halben Jahres. Da wir eigentlich ständig neue Songs machen, weiß ich das allerdings nicht so genau. Die Songs die dann letztendlich auf der “1st Aid Kit“ gelandet sind, ist eine Auswahl der Songs, die uns zu dem Zeitraum am besten repräsentierten - ein guter Querschnitt unserer Arbeit sozusagen. Andi: Da ich fast kein Langzeitgefühl habe, denke ich - Chris beantworte du das. "...and remember, always be nice to the barkeeper" entstand in dem Moment als wir den Song im Studio eingespielt haben und der war eigentlich für einen Kurzfilm gedacht, von dem jetzt aber keiner weiß, ob der Filmemacher das Lied verwendet hat oder ob der Film jemals gedreht wurde.

a.jo: Woher kommt eigentlich die anscheinend nicht ganz uneigennützige Bemerkung, dass man immer nett zum Barkeeper sein sollte? Gab es vielleicht ein einschneidendes Erlebnis?

Chris: Oh oh, leider bist du nicht die einzige, die den Songtitel für das hidden Instrumental (Track 7) "...and remember..." als Message missdeutet. Wer genau auf das Cover schaut, sieht, dass genauso viel Tracks darauf stehen wie tatsächlich auch auf der Scheibe sind. Den Namen haben wir bewusst etwas von den anderen abgesetzt, da der Song auch etwas später einsetzt.

Andi: Wo das herkommt, weiß ich nicht, aber wir brauchten halt einen Namen für das Instrumental. Und da der Frieder so ein toller Namensgeber ist und er diesen Vorschlag machte, heißt das Lied jetzt so. Problem ist nur, daß keiner weiß, dass das der Name eines Liedes ist und jeder denkt es sei irgend eine völlig beknackte Botschaft, weil der Songname auf dem Backcover etwas Abstand von den anderen Liedernamen hat. (Mensch "raus aus der Enge der festen Form", wie mein ehemaliger Lehrer es einst trefflichst formulierte)

Frieder: Januar 2001: Nachdem Yuppie Flu in Reutlingen gespielt haben, übernachten die bei mir in der Wohnung, weil der Schlagzeuger mit der Freundin meiner Mitbewohnerin schlafen will. Wir bewerfen uns in der Küche mit saurer Sahne, dann betrinken wir uns so sehr, dass wir auf ihre Homepage obszöne Sachen schreiben. Kurz bevor der Sänger umkippt, rät er meinem Mitbewohner: "Always be nice to the barkeeper".

Chris: Die Italiener wieder...

a.jo: Wie geht Ihr mit Melancholie um? Hilft Musik in solchen kontemplativen Phasen und Ihr nutzt diese als Ventil?

Chris: Sicher hat Musik machen eine Ventilwirkung. Das ist auch gut so. Melancholie trägt glaube ich jeder Mensch in sich. Der eine mehr, der andere weniger. Auch wenn man sich echt supergeil fühlt, dann aber die Gitarre in die Hand nimmt, kann es schon sein, dass man damit unbewusst seine Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet.

Andi: Ich gehe jetzt mal davon aus, dass du auf die Melancholie in der Musik ansprichst. Denn es gab schon mehrere Statements dahingehend, dass unsere Musik ab und an melancholisch daher kommt. Find ich absolut nicht! "wine & turpentine" klingt vielleicht so, liegt aber bei genauerem Hinhören nicht an der Musik sondern an der Gesangslinie und natürlich am Text. Das Lied ist auf der CD das älteste und als ich den Text im Studio zufällig mal wieder in den Händen hielt, war auch ich sehr verwundert über die Traurigkeit, obwohl ich diesen Text geschrieben habe. Die anderen Songs haben absolut nichts melancholisches an sich. Generell bringt man seine Gefühle, denk ich, automatisch mit in die Musik und ich versteh jetzt nicht weshalb du ausgerechnet darauf anspielst. Vielleicht habe ich auch die Frage falsch verstanden?!?

Frieder: Was sind "kontemplative Phasen"? (Ich verstehe halt gern, um was es geht) Natürlich braucht Musik Melancholie, und Melancholie braucht Musik. Hey Anna, erinnerst Du Dich noch an Deinen letzten Liebeskummer und welche Platte Du dazu gehört hast? ...Es gibt doch immer Momente, in denen Du denkst, wenn das jetzt ein Film wäre, dann müssten sie genau diesen Song dazu spielen. The soundtrack of your life.

a.jo: Falls Ihr melancholische Momente habt und kennt, gibt es für Euch ein Mittel diese zu entfliehen oder genießt Ihr sie auch auf irgendeiner Art und Weise?

Chris: Melancholie kann ein ganz schöner Motor sein! Also warum fliehen - lieber ausnutzen und etwas daraus machen.

Andi: Klar, ich gehe in den Garten setze mich in meinen aufblasbaren Pool, am liebsten mit meiner Freundin und wir scheißen gemeinsam auf Melancholie. Und ich lade jeden, auch dich liebe Anna, dazu ein.

Frieder: Leiden ist schon okay...

a.jo: Habt Ihr am Ende vielleicht noch eine spezielle Botschaft, wie vielleicht: Kauft unsere CD und die Welt wird gut?

Chris: Kommt auf unsre Gigs und lasst uns Spaß haben...

Andi: Vielen Dank für dein Interesse und deine Mühen!!! Hat Spaß gemacht!!!

Frieder: Danke für das Gespräch.

a.jo

http://www.onetake.de - http://www.silveretta.risky.de

 

 

 

 


 

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