 Synthetische Soundteppiche mit verspielten Melodien, harmonischen Gesängen und ruhigen Rhythmen, oft Trip-Hop-lastig, manchmal aber auch schneller bis zu House-Rhythmen ("If It Is To Be, It Is Up To Me"). So ist es kein Wunder, dass Chumbawamba gerne von Moby- oder Robbie Williams-Fans gekauft wird.Der wahre Kern der oberflächlich so seichten Popmusik steckt tief. Zum einen natürlich in den Texten. Wer sind den Len Shackleton, Harry Stanley oder Shelley, deren Namen in den Titeln vorkommen? Wer sind den Louis Armstrong, Jean Arp, Tristan Tzara oder Frederick Douglas, die im Booklet zitiert werden? Die Antworten werden nicht mitgeliefert. Wer sich aber auf die Suche begibt, in Lexika eintaucht oder im Internet danach sucht, wird entdecken, dass Dadaisten, Freiheitskämpferinnen, Minderheiten und viele andere Individualisten zu Wort kommen. Selbst der Albumtitel ergibt durch einen langen Artikel auf der Band-Webseite einen tieferen Sinn. So unterminieren Chumbawamba seit elf Studioalben den belanglosen Musikteppich, der über die Poplandschaft gelegt wird. Doch die Botschaften stecken so tief in den Symbolen und Anspielungen, dass sie nicht zwangsläufig wahrgenommen werden müssen. Chumbawambas größter Hit "Tubthumping" – ein Song über einen Aufstand von Hafenarbeitern – kann problemlos in Fitnesscentern zum Rumturnen benutzt werden. Dessen ist sich die Band bewusst. Deshalb belassen es die acht Briten nicht bei diesen subtilen Hinweisen auf Ungerechtigkeiten in dieser Welt. Mit durch Werbelizenzen verdientes Geld werden antikapitalistische Vereinigungen unterstützt, auf Plakaten beschuldigen sie die britische Regierung der Verzehrung von Informationen, der britische Premierminister Prescott bekam während der Brit Awards 1998 einen Kübel kaltes Wasser auf den Kopf und so weiter. Diese zu offensichtlichen Kampfansagen waren dem Major-Label EMI zuviel, sodass sie nach zwei Alben Chumbawamba den Vertrag kündigten. Das neue Album erscheint deshalb wieder auf dem Independent-Label Mutt Records. Die Songs, bei denen Plattenfirmen sich weigerten, sie auf ein Album zu pressen (zum Beispiel "Passenger List For Doomed Flight 1721") , finden sich ebenso im Internet wie die Texte der aktuellen CD. Weil auch die sehr vage gehalten sind, schiebt die Band ihre Interpretationen gleich hinterher. Das Politische an einer Band wie Chumbawamba liegt eben nicht in der Musik und nicht unbedingt in den Texten. Insofern ist es 'nur' anspruchsvolle, gut gemachte, Popmusik, die auf mehreren Ebenen gehört werden kann. Im Hintergrund, als Berieselung und mit Botschaft. Nur auf der letzteren Ebene fällt auf, dass manches nicht zusammen passt. Fröhlicher Kindergesang in einem Song, der übersetzt "Scheiße zusammennähen" heißt. Darin wird ein Bogen aufgebaut vom britischen Fabrikgesetz 1892, welches Kinderarbeit verbietet, zu den modernen "Sweatshops", in denen Kinder heute die Turnschuhe namenhafter Hersteller unter unmenschlichen Bedingungen herstellen. Aber das ist dadaistisches Konzept: Menschen verwirren, indem sich hingebungsvoll scheinbar belanglosen, alltäglichen, sinnfreien Dingen gewidmet wird. Scheinbar... In diesem Sinne führen Chumbawamba den Dadaismus mit modernen Mitteln fort. Angenehm anzuhören ist er dazu.
|