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Mitherausgeber vom Gothic-Lexikon Tobias Seeliger im Interview 

05.07.2002

Ich weiß gar nicht wie lange ich nun schon im Berliner Dunker-Club meine Nächte vom Montag zum Dienstag verbringe. Vielleicht zensiert mein Kleinhirn auch diese Information. Jedenfalls geht Tobias Seeliger , Mitherausgeber vom “Das Gothic- und Dark Wave – Lexikon“, “Gothic!“ und “Gothic 2“, auch gerne in dieses Etablissement und daher kenne ich ihn schon eine kleine Ewigkeit. Und als ich “Das Gothic- und Dark Wave – Lexikon“ rezensiert habe, dachte ich mir so, dass er eigentlich auch ein paar Fragen beantworten könnte. Kurzerhand habe ich via Email ein paar Fragen an ihn geschickt.

Mitherausgeber vom Gothic-Lexikon Tobias Seeliger im InterviewMitherausgeber vom Gothic-Lexikon Tobias Seeliger im Interviewa.jo: Du hast gemeinsam mit Peter Matzke nun schon mehrere Buchprojekte, wie zum Beispiel “Gothic!“, “Gothic 2“ und “Das Gothic- und Dark Wave – Lexikon“, veröffentlicht! Wie habt ihr euch gefunden und was war das ausschlaggebende Moment, dass ihr entschieden habt in dieser Form das Konzept zu entwickeln, dass die schwarze Szene thematisiert?

T.S.: Meiner einer knipste sich fleißig durch die Konzerte und Shows „szenerelevanter“ Bands (Um Himmelswillen zwinge niemals einen Musiker, eine Band in eine Schublade!) und 1999 fing ich dann an mit einem Exposee in der Hand bei Verlagen Klinken zu putzen. Ich hatte die Bilder. Was mir fehlte war erst einmal ein Schreiber. Peter seinerseits ging auch mit einem Exposee in der Hand Klinken putzen und irgendwann kamen wir zusammen und haben somit den jeweiligen Partner gefunden. Was folgten, waren viele Emails, Telefonate und Gespräche um unsere Herangehensweise an die Geschichte auszuloten. Schnell wurde uns klar, wenn wir selbst zum Stift greifen, würde es zu einer sehr undifferenzierten Sicht auf die Szene führen. Wir würden ständig etwas vergessen, was Wichtiges, etwas falsch interpretieren...dem Ganzen halt unseren Stempel aufdrücken. Und das war bei “Gothic I“ wie auch bei “Gothic II“, nicht unser Ziel. Schließlich kamen wir auf die Idee doch die Künstler zu bitten selbst ihre Sicht der Dinge darzulegen. Und mit dieser Idee sind wir schließlich auch auf offene Ohren beim Berliner Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag gestoßen. Zumal dies dem Leser sehr viel Freiraum lässt, für eigene Interpretationen. Und hoffentlich auch den einen oder anderen Denkanstoß für vermeintlich routinierte Szenegänger.

a.jo: Bereust du eigentlich, dass ihr die Aufgabe “Das Gothic- und Dark Wave – Lexikon“ herauszubringen, übernommen habt? Oder bist du eher ein bisschen Stolz auf das Buch?

T.S.: Ich denke, wir haben einen guten Überblick geliefert. Aber solch ein Lexikon ist, in Anbetracht der Tatsache, dass die Szene ständiger Wandlung und Weiterentwicklung unterliegt, immer eine unfertige Sache. Bereits jetzt beschäftigen wir uns mit der Neuauflage. Die wohl schwierigste Aufgabe war es, die Grenzen dessen festzulegen, was Eingang finden sollte in das Lexikon. Macht es zum Beispiel Sinn, eine Band aufzunehmen die nur ein Demo veröffentlicht hat? Wie weit dürfen wir uns überhaupt in den Metalbereich vorwagen?

a.jo: Was würdest du im Nachhinein anders machen?

T.S.: Erst einmal bin ich versucht zu sagen: Nie wieder ein Lexikon!

Ich würde ja sehr gerne ausführlichere Informationen zwischen die Buchdeckel packen, aber dann wären wir wahrscheinlich mit drei Bänden immer noch nicht am Ende.

a.jo: Wurdest du schon einmal damit konfrontiert, dass ihr durch das Aufzeigen und Beschreiben von mystischen Dingen die Geheimnisse preisgeben und der Anreiz dadurch entschwinden könnte? Oder soviel Öffentlichkeit von vielen in der Szene gar nicht gewollt ist? Das du teilweise auf Ablehnung gestoßen bist? Oder waren die Türen immer offen und eher eine dankbare Resonanz da, dass man endlich aufklären durfte, dass ein Grufti ohne lechzende Zunge an einer Katze vorbeigehen kann und nicht unbedingt 365 Tage im Jahr auf einem Friedhof verbringt?

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Mitherausgeber vom Gothic-Lexikon Tobias Seeliger im InterviewMitherausgeber vom Gothic-Lexikon Tobias Seeliger im InterviewT.S.: Nein, eigentlich hatten wir nie große Probleme. Zu Gute dabei kam uns, dass wir bereits eine lange Zeit bevor wir die Bücher angegangen sind, mit der “Szene“ zu tun hatten. Peter als Mitarbeiter des Wave-Gotik-Treffens und ich durch meine Arbeit für die Magazine Zillo und Orkus. Wichtig ist es jedem, mit dem man an einem solchen Projekt arbeiten will, konkret zu sagen worum es geht. Daherzukommen und zu sagen: wir machen da ein Büchlein über Gruftis, würde die meisten wohl eher abschrecken. Und wen wundert das, bei dieser sensationslüsternen Berichterstattung.

a.jo: Könntest du dir vorstellen auch in anderen Szenen umtriebig zu werden oder habt Ihr das Herz an der schwarzen Szene verloren?

T.S.: Sicherlich. Allerdings bräuchte so ein Unterfangen auch wieder Jahre um den nötigen Ein-, Über- und Aufblick zu erhalten. Aber gerade die Möglichkeit ständig etwas Neues bei den „Schwarzkitteln“ zu entdecken, musikalisch - wie für mich als Fotograf - optisch, lässt uns immer wieder über neue Projekte nachdenken. Für uns gibt es immer noch etwas Neues zu entdecken.

a.jo: Was stört Dich an der schwarzen Szene oder gibt es vielleicht diese sogenannte Szene in deinem Sinne gar nicht?

T.S.: Die Begriffe “Gothic“ oder “Gruftis“, “schwarze Szene“ oder “Schwarzkittel“ werden der Szene nicht gerecht. Zu weit sind die inhaltlichen und musikalischen Welten innerhalb dessen was als „Szene“ bezeichnet werden kann, voneinander entfernt. Wir haben versucht mit unseren Projekten diese Weiten zu überbrücken und das Klischee vom todtraurigen, katzenopfernden Grufti ein bisschen auszuräumen und unterschiedliche Sichtweisen aufzuzeigen. Von einer Szene, im Sinne einer recht abgegrenzten Gruppe, mit bestimmten Inhalten oder Outfits zu sprechen, ist wohl eher nicht möglich. Ich sehe den Begriff “Gothics“ eher als einen Schnittpunkt mit vielen verschiedenen kleinen “Szenen“ die einander ständig überschneiden und gegenseitig beeinflussen. Nun behaupte ich mal recht kühn, eine gewisse Melancholie, die Farbe schwarz, der Hang zu einem düsteren Romantikbegriff à la Caspar David Friedrich und düstere musikalische Inhalte, sind der kleinste gemeinsame Nenner.

Mitherausgeber vom Gothic-Lexikon Tobias Seeliger im InterviewMitherausgeber vom Gothic-Lexikon Tobias Seeliger im Interviewa.jo: Falls du dich der Szene zugehörig fühlt, bereust du manchmal in Kontakt mit ihr getreten zu sein?

T.S.: Nein, natürlich nicht! Schließlich sind aus der anfänglichen reinen journalistischen und auch oberflächlichen Arbeit, im Laufe der Jahre auch viele Freundschaften entstanden.

a.jo: Was ist für dich ´schwarz sein´ und was macht es aus?

T.S.: Frag mal einen Grufti, ob er sich als Grufti bezeichnen würde. Die meisten würden wohl ohne zu zögern mit „Nein“ antworten. Wir wissen es immer noch nicht. Und die Suche nach einer Antwort auf diese Frage ist es, die unsere Arbeiten so aussehen lässt wie sie aussehen. Immer unfertig.

a.jo: Also ich fühle mich nicht direkt in die ´schwarze Szene´ involviert, aber dennoch habe ich mein Herz an kontemplative Musik verloren und es gibt Zeiten da sehne ich mich nach Nebel und Musik und gehe dann meistens auch weg. In solchen Momenten frage ich mich schon ob ich noch weitere 8 Jahre das machen kann. In solchen Reflexionsphasen überlege ich, ob es ab einem bestimmten Alter nicht peinlich wird und das man oberflächlich vielleicht auch stagniert, kennst du solche Gedanken?

T.S.: Der Mensch ist doch ständig bestrebt sich weiterzuentwickeln. Also zumindest sollte es so sein. Das ist bei mir nicht anders. Und das ist auch gut so. Vielleicht wird sich die ganze Sache irgendwann totlaufen, aber so lange es den Leuten Spaß bringt, Kreativität innerhalb der Szene vorhanden ist, wird immer wieder Neues entstehen können. Dadurch wird sich das Gesicht der Szene mit der Zeit massiv verändern, was auch der Grund für den jetzt zu beobachtenden Generationswechsel sein mag. Aber ist das nicht der Gang der Dinge? Ist es dann nicht auch all zu verständlich, wenn sich der eine oder andere nicht mehr mit dem Neuen identifizieren kann?

a.jo

http://www.snapshot-photography.de - http://www.wave-gotik-treffen.de - http://www.gothic-berlin.de

 

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