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Interview mit Rainer Bratfisch (Beatles-Lexikon) 

25.06.2002

Zur Entstehung des Beatles-Lexikons, den Schwierigkeiten dabei und mehr befragte Robert Kneschke den Autor Rainer Bratfisch.

Interview mit Rainer Bratfisch (Beatles-Lexikon)Interview mit Rainer Bratfisch (Beatles-Lexikon)bloom.de: Wann haben Sie das erste Mal Beatles-Musik gehört?

Rainer Bratfisch: Das war wirklich damals, als die Beatles ihre ersten Hits hatten, 1963 – "I Want To Hold Your Hand" und "She Loves You". Wahrscheinlich über Radio Luxemburg, das war damals "mein" Sender.

bloom.de: War das Liebe auf den ersten Blick oder wie entwickelte sich das Interesse für die Beatles?

Rainer Bratfisch: Liebe auf den ersten Blick schon, aber andere hatten schon etwas Vorarbeit geleistet: Roy Orbison, Elvis Presley, Chuck Berry. Ich bin zwar nicht mit dem Rock'n'Roll groß geworden, aber es war dann so Anfang der 60er Jahre doch die Musik, die mich vom Hocker gerissen hat. "Pretty Woman" von Orbison hatte mich schwer beeindruckt, aber auch alles von Chuck Berry, Fats Domino, Little Richard und anderen schwarzen Rock'n'Rollern. Den Beatles ging's ja genauso: Ihre ersten Platten kamen ja über den großen Teich – vom britischen Skiffle mal abgesehen.

bloom.de: Wie kommen Sie auf die Idee, nach Tausenden Beatles-Büchern noch ein Lexikon herauszubringen?

Rainer Bratfisch: Sie haben Recht, es gibt bereits einige Tausend Beatles-Bücher. Aber es gibt auch erstaunlich viele Teens und Twens, die die Beatles gut finden. Die kennen die Songs, wissen aber nicht allzu viel über die Beatles. Wer liest heute schon noch eine dicke Biografie John Lennons, Paul McCartneys, George Harrisons oder Ringo Starrs? Sie haben hier das "Beatles-Wissen" als Kompendium in einem Buch, zum Nachschlagen. Mit dem Buch fällt es ihnen leichter, die Songs der Beatles historisch einzuordnen. Aber auch die, die mit den Beatles groß geworden sind, können mit dem Buch noch ein Aha-Erlebnis haben.

bloom.de: Wie lange haben Sie für das Buch gebraucht?

Rainer Bratfisch: Schwer zu sagen, die Idee zu dem Buch hatte ich schon lange. Konkret angefangen habe ich im Sommer 1999 – also insgesamt drei Jahre Arbeit stecken schon drin. Sehr geholfen hat mir dabei das Archiv, das ich seit Jahren aufgebaut habe. Irgendwie gehöre ich wohl zu den Jägern und Sammlern... So ein Mosaik oder Puzzle braucht eben seine Zeit. Wobei es auch einige Phasen gab, wo ich dachte: Das schaffst du nie! Aber irgendwann näherte ich mich einem Stadium, wo vieles erfasst war. Nein, nicht alles, man kann so ein Werk auch bis zum Exzess, das heißt jahrzehntelang, noch weiter vervollkommnen. Aber: Nobody's perfect. Auch dieses Buch nicht. Und so habe ich irgendwann im Frühjahr Schluss gemacht und den Packen zum Verlag getragen.

bloom.de: Während Ihrer Arbeit starb ja George Harrison...

Rainer Bratfisch: Ja, ein großer Schock für mich. Gerade George Harrison bin ich bei meinen Recherchen zum Buch sehr nahe gekommen, er wurde mir immer sympathischer, je mehr ich mich mit seinen Ideen, seinem Leben, seiner Musik beschäftigt habe.

bloom.de: Was bereitete bei den Recherchen am meisten Schwierigkeiten?

Rainer Bratfisch: Die oft unterschiedlichen Daten zu einzelnen Aufnahmen. Ich habe mich dann vor allem auf Primärliteratur konzentriert, d.h. auf Erinnerungen von Mit-Musikern, Freunden, Zeitgenossen. In der Sekundärliteratur, d.h. in diversen Chronologien und auch Diskographien, gibt es 'ne Menge Fehler, die sich manchmal von Buch zu Buch zurückverfolgen lassen.

bloom.de: Warum gibt es keine Diskografie?

Rainer Bratfisch: Das hätte den Rahmen des Buches gesprengt. Außerdem gibt's da schon genügend, siehe Seite 146-147.

bloom.de: Wie im Vorwort von Ihnen erwähnt, widersprechen sich einige Daten auch. Wie fanden Sie die korrekten heraus?

Rainer Bratfisch: Bei manchen Daten musste ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung bemühen, obwohl gerade Mathematik nicht unbedingt meine Stärke ist. Wenn möglich, bin ich immer auf die Originalquellen zurückgegangen, wenn es also z.B. um die Schreibweise der Songs ging, habe ich mich auf die Platten gestützt. Natürlich waren auch die Autobiografien eine große Hilfe – auch wenn viele sagen, dass nirgendwo so viel gelogen wird wie in Biografien... Also: Auch mein Lexikon ist ohne Gewähr.

bloom.de: Warum gibt es zum Beispiel kein Eintrag über den Mörder von John Lennon?

Rainer Bratfisch: Auf dem Cover des Lexikons steht ja "The Fab Four - Das große Beatles-Lexikon". Ich habe mich ganz bewusst auf die Zeit bis zum April 1970 konzentriert. Natürlich habe ich die Biografien der Personen weitergeführt, die bis dahin im Leben der Beatles eine Rolle gespielt haben. Aber man findet eben nicht Heather Mills als Stichwort, oder den Mörder von John Lennon. Das hätte den Rahmen des Lexikons gesprengt.

bloom.de: Was fanden Sie am interessantesten beim Schreiben des Buches?

Rainer Bratfisch: Neue Kontakte zu neuen Leuten, das tiefe Eintauchen in die Musik und Kultur der Sixties, die Beschäftigung mit "Randfiguren" im Beatles-Kosmos wie Allen Ginsberg, Timothy Leary, Peter Blake... Und natürlich die Erkenntnis, wie angesagt die Beatles noch immer sind, wie oft ihre Songs noch heute gecovert werden, wie viele Leute sich heute noch so intensiv mit den Beatles beschäftigen.

bloom.de: Sie wurden ja in der DDR geboren und erwähnen im Buch die repressive Haltung des Ostens gegenüber den Beatles ab Mitte der sechziger Jahre. Haben Sie das mitbekommen?

Rainer Bratfisch: Ja, natürlich. Wobei sich die Repressionen des Apparates nicht so sehr gegen die Beatles richteten. Die wurden im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, sogar als "Working Class Heroes" abgefeiert. Die Repressionen richteten sich gegen ihre Anhänger in der DDR, die lange Haare trugen oder sonst wie zum Ausdruck brachten, dass sie Anhänger der "westlichen Unkultur" waren. Eine Zeit lang habe ich mit Freunden ein Informationsblatt herausgegeben, "Freak Out!" hieß das und beschäftigte sich u.a. auch mit den Beatles. Das haben wir mit der Schreibmaschine und so vielen Durchschlägen wie möglich geschrieben. Irgendwann hat das mal ein übereifriger Schuldirektor zu Gesicht bekommen und der Stasi gepetzt. Da mussten wir alle antanzen, mit Vernehmungen usw. Unsere Begeisterung für die Beatles und andere Bands hat das natürlich nicht beeinträchtigt – ganz im Gegenteil.

bloom.de: Vielen Dank für das Interview.

Eine Rezension des Beatles-Lexikons gibt es natürlich ebenfalls bei bloom.de

 

 

 

 


 

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