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Meine und Deine Lakaien stehen Rede und Antwort! 

30.11.2001

An einem kalten Tag machte ich mich zum Potsdamer Platz ins Sonycenter auf und wenn ich etwas an Berlin nicht mag, ist es dieser neue, moderne und unübersichtliche Ort! Mit einem Gefühl wie aus dem Film „Blade Runner“ und irgendwie der ganzen Situation nicht gewachsen zu sein, saß ich am Anfang dem Duo, Ernst Horn und Alexander Veljanov, an diesem Cyberort gegenüber. Die Erfahrung, dass Alexander Veljanov ein sympathischer und angenehm ruhiger Interviewpartner ist, durfte ich im März bei einem Gespräch zu seinen Soloaktivitäten machen. Doch, da ich überaus abergläubisch bin und mich das stetige Gefühl, beim zweiten Mal ist alles meist uninteressanter, umhüllte, durfte ich wieder dazulernen, denn meistens kommt es anders als man denkt. Es folgte nämlich eine dreiviertel Stunde interessanter Plauderei und zusätzlich hatte ich das OK, dass ich die Stimmung fotografisch festhalten durfte, was möchte man mehr? Doch nun genug geschwafelt. Eigentlich wäre es Sand nach Saudi-Arabien gebracht, wenn man viele Worte zum Werdegang von Alexander Veljanov und Ernst Horn bringen würde. Die beiden ´Alternative-Elektroniker´ arbeiten seit 16 Jahren zusammen und erschaffen Platten voller Wärme, Sinnlichkeit und Melancholie ... Schluss! Aus! Jetzt kommt endlich das Interview ...

a.jo: Wie seid ihr auf den Titel „White Lies“ – Notlüge gekommen? War es eine Notlüge, weil ihr keinen Titel hattet?

Alexander Veljanov: Kompliment, 100 Punkte.

Ernst Horn: Analyse Nummer 12, wirklich jeder hat eine andere Erklärung. Das finden wir gut. Es ist sehr vieldeutig. „White Lies“ kann auch Weiße Lüge bedeuten und wir wollten eigentlich etwas über diese weiße Farbe machen. Das ganze Artwork wird weiß sein, mit einem weißen Kaninchen.

A.V.: Das mutiert ist. Das ganze ist auf diese weiße Ästhetik aufgebaut. Vielleicht ist es auch ein bisschen provokativ, das man mit diesem ewigen Düsterimage bricht und gleichzeitig eine Platte anzubieten, die ganz viel Nachdenklichkeit und Traurigkeit anbietet und zu provozieren. Ich finde es schön wenn man so protestiert ohne wirklich peinliche Holzhammermethoden anzuwenden.

a.jo: Das heisst, wenn irgendwo im Gruftclub oder im Plattenladen dieses Album übergeben wird, ist der Laden aufgehellt?

A.V.: Dann wird man sagen, kannst du mir mal die CD geben.

a.jo: Nur die CD, nicht die Hülle!

A.V.: Ja. Bitte schnell.

a.jo: Zu „Hands White“ habe ich im Platteninfo gelesen, dass es auf eine Reaktion zum Weltwirtschaftsgipfel in Genua entstanden ist. Ist jetzt Zeit für poltische Poesie?

E.H.: Wir haben schon immer auch politische Texte gemacht, die waren nur sehr indirekt. Das ist ein Text, der offen und direkt etwas anspricht. Das waren Globalisierungsgegener, sie haben sich alle in einem Kreis aufgestellt und Transparente vor sich her getragen. Es war ein riesig großer weißer Block. Die konsequent gewaltlos waren und das war einfach beeindruckend, also ein Preislied. Das Globalisierungsthema ist sehr wichtig. Es ist offensichtlich eine neue Generation, die sich bemüht und nicht nur auf das Geschäftemachen aus ist. Moralische Werte werden wieder entdeckt.

a.jo: Ist eigentlich die Anordnung der Titel auf eurem Album chronologisch vorgenommen worden, oder folgt es einem anderen System?

A.V: Nein, die Reihenfolge wird erst ganz am Schluss entschieden.

E.H.: Man versucht aber natürlich irgendeine Linie hineinzufinden.

a.jo: Wie muss man sich das vorstellen?

A.V.: Man versucht sich natürlich vorzustellen, wie das Album wirken mag, wenn es in einem Stück durch gehört wird. Das ist eine der schwierigsten Aufgaben, die man bewältigen muss, außer wenn man es anderen überlässt. Zum Beispiel der Plattenfirma, das wird auch oft gemacht. Wenn man selbst die Stücke kennt und auch um die scheinbaren schwächen Bescheid weiß, die man selbst subjektiv als solche empfindet, wie soll man die Anordnung entscheiden. Deswegen war das diesmal auch ganz schwierig. Wir haben eigentlich einerseits sehr viele balladeske Stücke, die aber meiner Meinung nach insgesamt sehr stark sind, dass sie sich gegenseitig eigentlich, zum mindestens, wenn es schlecht läuft, hindern und auch die Schau stehlen könnten.

a.jo: Wenn zwei Balladen aneinander gereiht werden...

A.V.: Ja, das ist sehr schwierig, weil die Stimmung in einer Ballade auch so intensiv ist und auch diese Ausbrecher. Wie kann man solche Lieder wie „Wunderbar“, „Prayer“ mit „Stupid“ zusammen verbinden? Wie bekommt man eine sinnvolle Reihenfolge, dass ist sehr schwierig, aber ich denke, dass das ganz gut gelungen ist, zu mindestens die Reaktionen sind so. Aber es gibt jetzt keinen inhaltlichen Überbau. Das man sagt, das ist jetzt ein Konzept mit einer Geschichte, die mit Kapitel 1 beginnt und mit dem Schlußkapitel aufhört.

a.jo: Habt ihr eigentlich schon einmal besoffen eine Laterne angesungen, wie im Song „Wunderbar“?

E.H.: Nein!

A.V.: Nicht, dass ich mich erinnern könnte, aber man weiß ja nie.

a.jo: Filmriß.

E.H.: Das ist ein halb lustiger und halb trauriger Song.

A.V.: Aber die Stimmung, die Ernst mir auch auf den Leib geschneidert hat und dort transportieren wollte, die war mir irgendwie sofort bekannt. Die erste Schneenacht, man stolpert so leicht angesäuselt aus einer Kneipe Nachts um drei und diese Luft, die mit dem ersten Schnee zusammenhängt und eine glasklare Winternacht. Die Stimmung ist diese mit dem typischen Kreuzberger Laternenschein. Die Ballade mit den drei, vier Musikern die quasi angetrunken, imaginär in dieser Vorstellung auftauchen. Das ist glaube schon das Bild das hervorgerufen wird.

a.jo: Es ist schön, wenn der eine etwas anfängt und der andere es dann vollenden kann.

A.V.: Interpretieren.

Meine und Deine Lakaien stehen Rede und Antwort!Meine und Deine Lakaien stehen Rede und Antwort!a.jo: Beim Song „Stupid“, war angegeben - Dumme Musik für Dumme Kritiker, dazu ist mir ein Ausspruch von Joachim Witt eingefallen, dass jede Generation, die Musik bekommt, die sie verdient. Kriegen jede Kritiker die Musik die sie verdienen.

E.H.: Ja, da sind aber nicht nur die Kritiker gemeint. Es sind auch wir irgendwie gemeint. Es ist ein dummes Lied und es sind auch Leute angesprochen, die in der Musikbusinesswelt leben und auch gerne Vorstellungen formulieren, die erfolgreich sein sollen. Dann machen wir ein dummes Stück und das ist jetzt vielleicht genau das, was ihr wollt.

A.V.: Heisst es eigentlich jetzt ´dumm´ im Sinne von ´dumm´ oder im Sinne von ´blöd´.

a.jo: Gibt es einen Unterschied?

A.V.: Das habe ich mich auch gerade gefragt, ob es einen Unterschied gibt. Vielleicht dumm sein, weil man nichts gelernt hat oder aus Faulheit heraus und blöd ist für mich eher etwas unangenehmes. Es gibt nämlich auch nette dumme Menschen.

E.H.: Dann im Sinne von dumm.

a.jo: Einen kleinen Schwenker, glaubt ihr eigentlich an den ewigen Zyklus, ähnlich dem Energieerhaltungssatz? Das alles wiederkommt und nichts vergeht?

E.H.: Hm, ein Energieerhaltungsgesetz, aber Materie transformiert sich natürlich...

a.jo: Aber im Körper fließt Energie und die kann man messen!

A.V.: Ja, richtig stimmt schon. Man kann sie natürlich umwandeln und in irgendein Gestein übergehen lassen.

a.jo: Also werden wir als Granit wiedergeboren.

E.H.: Das ist aber ein wilder Satz. Die Erhaltung der Energie, darüber werde ich mal nachdenken.

a.jo: Ich habe darauf Tantiemen.

E.H.: Auf jeden Fall. Im Theater schenkt man immer einen Groschen, wenn jemand einen Einfall hat.

a.jo: Kulturbeitrag. Ich habe der Pressemitteilung vernommen, dass ihr euch von Michael Pop und Christian Komorowski getrennt habt.

A.V.: Ja. Wir haben uns getrennt, weil wir der Meinung waren, dass es eine existentielle Frage war, was das Projekt der Deine Lakaien betrifft. Es war nicht einfach und ist es auch bis jetzt nicht. In letzter Konsequenz war es ein radikaler Schnitt, dass man sagt, okay jetzt alles ohne sie weiter. Wobei man eigentlich sagen muss, dass sie immer nur Live dabei waren, außer beim letzten Album, bei einigen Stücken. Das war eben der Versuch etwas in ihrem künstlerischen Sinne zu verbessern. Das ist nicht gut gelaufen. Deshalb haben wir uns entschieden es zu beenden.

E.H.: Es war von Anfang an schwierig. Weil wir es nicht so gemacht haben, wie die anderen Synthie–Bands, diese typischen Synthie–Duos, Synthesizer und Sänger, welche Mitte der 80er Jahre gegründet wurden. Die waren dann bereit Leute anzuheuern und bei der nächsten Tour war wieder eine andere Besetzung. Die haben denen 100 Mark in die Hand gedrückt und waren völlig frei. Bei uns sind sie halt über diesen Status nicht herausgekommen. Aber wir haben uns die Einnahmen geteilt. Sie waren mit der Rolle, die sie hatten, nie zufrieden. Uns hatte es schon sieben Jahre vorher gegeben.

A.V.: Wir haben drei Produktionen alleine gemacht.

E.H.: Das war einfach ein Dauerkonflikt.

A.V.: Was natürlich nicht heisst, dass wir keine großartigen Konzerte zu viert gegeben haben. Das wissen wir auch.

E.H.: Das war keine spontane Entscheidung.

a.jo: Ihr arbeitet nun schon seit Mitte der 80er Jahre zusammen, das sind jetzt schon fast 16 Jahre und manchmal wird es auch als eheliche Verbindung umschrieben. Durch so etwas wird einem bewusst gemacht, wie groß der Zeitfaktor ist und denkt man dann, dass es irgendwann einfach zu Ende sein muss?

E.H.: Irgendwann ist alles zu Ende.

A.V.: Meist spielt der Zeitfaktor keine Rolle, es ist eigentlich völlig egal, ob man 3, 13 oder 30 Jahre zusammen spielt.

E.H.: Wir haben in diesen 16 Jahren auch sehr lange Pausen gemacht und im Grunde gar nicht so viel gemeinsam gemacht. Wir haben auch schon schlechtere Zeiten gehabt und auch in diesen 16 Jahren Erfahrungen gemacht. Außerdem hat sich der Zeitfaktor immer als sehr schwierig erwiesen. Wenn wir uns etwas überlegt hatten zu machen, ist es letztendlich immer anders gekommen. Deswegen ist es auch schön, so eine Sache fertig gebracht zu haben und gar nicht darüber nachzudenken, ob es uns in 16 Jahren noch gibt. Das ist einfach in so einer Situation kein Thema.

A.V.: Wir haben die Zusammenarbeit und dieses Projekt nie gemolken, ausgeschlachtet, weil wir uns immer so viel Zeit auch lassen und nehmen. Sowie auch für ganz andere Dinge, du weißt selber, dass Ernst Theater, Hörspiele macht und ich habe Bands und Soloalben gemacht. Das ist sehr wichtig, weil man sich gegenseitig Freiräume lässt und beobachten kann, was kommt heraus, was ich ihn nicht tun lasse. Ich glaube es ist schon sehr fruchtbar.

E.H.: Außerdem macht man sich Tag und Nacht darüber keine Gedanken, wie lange es gehen kann oder das es mal aufhört. Denn auch dieses Aufhören kommt dann aus dieser Sicherheit des Projektes. Nach dem Ende von Deine Lakaien würden Alexander und ich etwas anderes machen. Wir würden nicht vom Hochhaus springen!

A.V.: Ich springe nicht vom Hochhaus, ich stürze dich vom Hochhaus!

E.H.: Okay, dass ist wieder etwas anderes.

a.jo: Das wäre dann eher passiv. Ist es eigentlich komisch, wenn man hört dass das Soloprojekt vom anderen in den Charts platziert wird und die anderen eigenen Projekte...

E.H.: Die laufen nicht so gut. Ich kann es einordnen. Ich weiß ungefähr, warum das geht und Deine Lakaien geht.

a.jo: Ist es ein komisches Gefühl?

E.H.: Überhaupt nicht. Wenn es jetzt in Größenordnungen kommt, die also wirklich größer sind als Lakaien. Dann würde einfach eine andere Organisation dieser Konstellation indirekt stattfinden. Die Plattenfirma würde bestimmt sagen, dass er in Australien oder USA touren soll und dann kommt schon die Frage, wann könnten wir zusammen wieder etwas machen. Das sind Sachen, die wie bei Phil Collins und Genesis abgelaufen sind. Er hatte einige Zeit nebenher sein Projekt laufen lassen und dann hat er sich für seine Solokarriere entschieden. Das sind aber ungelegte Eier.

A.V.: Aber es wäre ziemlich unangemessen, im aktuellen Fall „Sweet Life“ und „Helium Vola“ auf einem gleichen Level zu messen. „Sweet Life“ war bewusst als Sänger Popalbum gewählt und „Helium Vola“ ist etwas ganz anderes. Man kann Äpfel nicht mit Melonen vergleichen. Es wäre natürlich schwieriger, wenn er jetzt eine Popplatte mit einem anderen Sänger oder Sängerin machen würde und ich eine und die eine ist in den Charts und die andere nicht. Dann wäre es vielleicht auch ein bisschen schwieriger, theoretisch.

a.jo: Wenn man am Theater mit klassischen Komponisten verkehrt, wie reagieren die, wenn man mit seinem Bandprojekt eine solche Zielgruppe hat.

E.H.: Ja, ich halte das raus.

A.V.: Er schämt sich dafür.

E.H.: Nein. Er schämt sich nicht dafür. Manche wissen das auch und viele mögen es mehr oder weniger. Sie schauen sich uns auch mal Live an. Diese Art von Musik interessiert sie auch nicht so.

a.jo: Ich hatte eher gedacht, dass sie vielleicht die Nase rümpfen würden.

E.H.: Vielleicht hinterm Rücken. Aber dadurch, dass ich es nicht vor mir her trage. Ich meine ein Jazzmusiker weiß gar nicht, was das ist. Dass es relativ eine große Sache ist, das wissen die Leute oft überhaupt nicht. In sofern interessiert das auch gar nicht. Über solche Sachen wird überhaupt nicht geredet. Man sitzt in der Kantine, trinkt sein Bier und erzählt sich Musikeranekdoten...

A.V.: Aber, du hast auch einmal gesagt, dass es Schauspieler gibt, die gar nicht wissen, dass du der von den Lakaien bist. Das dann wohl aber kennen, aber dich nicht so. Man kommt auch nicht direkt darauf, wenn jemand aus einer Chart–Popband, oder was auch immer, am Theater arbeitet.

E.H.: Das kam dann eher zufällig, dass einer hinterher sagt, hey, bist du das. Ich habe deine Platten zu hause. Dann redet man ein bisschen darüber und dann ist das auch wieder vorbei. Denn man arbeitet jeden Tag zusammen.

a.jo: Habt ihr manchmal das Gefühl, dass sich in der Gruftiszene eine Stagnation vollzogen hat, dass die Leute intolerant geworden sind und Scheuklappen tragen? Also ich bin jetzt schon 6, 7 Jahre dabei und am Anfang fand ich das unangenehm, dass wenn ich Freunde mit blauen Hosen mitgebracht habe ...

Meine und Deine Lakaien stehen Rede und Antwort!Meine und Deine Lakaien stehen Rede und Antwort!A.V.: Ja. Gut, Poser hast du überall, im HipHop, sowie im Dark Wave. Leute die einfach nur den Kult um den Underground machen. Das eine gewisse musikalische Engstirnigkeit da ist, störte mich schon immer. Schon damals als ich ein aktives Mitglied in der Gothic/Batcave Szene war. Es gibt überall solche und solche.

a.jo: Kann ich nicht einschätzen, weil ich dort noch nie war ...

A.V.: Ja, aber unsere Fans haben sich damit abfinden müssen, also die ehemaligen, ursprünglichen Hardchore–Gruftis, oder was auch immer, dass auch mal Jeansträger, Hippies, Altrocker und sonstige Leute im Publikum stehen. Wenn die Leute die Nase gerümpft und sich abgewandt haben, kann man auf sie verzichten. Wir wollten nie den Soundtrack zu ihrer Modenschau abliefern.

a.jo: Hat sich eigentlich ein Wandel vor der Bühne vollzogen, wenn man überlegt, dass ihr 15 Jahre auf der Bühne steht ...

E.H.: Ja, es sind mehr geworden. Das ist klar. Es sind uns auch viele Gothics treu geblieben, die dann auch keine Gothics mehr waren, weil sie älter geworden sind. Es sind viele Neue dazugekommen und auch der ganz harte Kern, der sonst nur zu Sopor Aeternus geht ...

A.V.: Na gut, es sind auch viele Leute, die jetzt um die 20 sind und damals 9 oder 8 waren, als wir schon Erfolg hatten.

a.jo: Die durften dann noch nicht zu euren Konzerten.

A.V.: Die damals 20 waren, die sind jetzt über 30 und vielleicht auch optisch nicht mehr die Szenegoths, sondern bestimmt jetzt Familienväter oder haben Funktionen im Berufsleben, sind Lehrer, was auch immer geworden, aber hören trotzdem noch Dark Wave, oder was auch immer als das bezeichnet wird.

a.jo: Wie fassen eigentlich Freunde oder Partner eure Texte auf, denken sie, ob ihr Probleme habt oder ob man eingreifen muss? Ich habe mir überlegt, wenn mein Partner solche tief melancholische Texte verfassen würde, ob irgendwas in der Beziehung falsch ist, oder ob man den Menschen im Leben behindert?

E.H.: Also bei mir ist es so, wenn man mich kennt, kennt man mich. Klar es gibt manchmal im Umfeld Leute, die sagen, dass das nicht passt, was du dafür Texte machst. Von meinen ehemaligen Partnerinnen kam da nichts, sie haben auch nie groß etwas hinein interpretiert. Die kannten mich halt. Das war nie ein Problem, ich weiß nicht, wie das bei dir war.

A.V.: Also, wer mich kennt, der weiß, dass ich eher ein Beobachter bin, der in Rollen schlüpft. Deswegen habe ich mit Fremdtexten auch kein Problem. Das ich Ernsts Texte genauso glaubwürdig versuche zu interpretieren.

a.jo: Was passiert eigentlich, wenn euer kleine Steppke in Schwarz vor euch steht, würdet ihr eure eigenen Platten empfehlen?

E.H.: Also meine kleine ist eine Tochter. Ach, das ist auch nur so eine Phase.

A.V.: Die hält bis ans Lebensende.

E.H.: Ja, ich hoffe, dass sie selber Musik macht.

A.V.: Aber nicht beruflich.

E.H.: Nein, muss nicht. Das sie einfach einen guten Musikgeschmack kriegt. Dann hoffe ich, dass sie einfach nicht nur schwarz hört, sondern, dass sie auch klassische Musik hört. Aber ich weiß, dass man in bestimmten Alter bestimmte Szenen aufsucht. Das einzig wichtige wäre mir, dass sie nicht in die Drogenszene gerät.

A.V.: Das ist glaube auch der Fehler von vielen Eltern, oder Mütter und Väter, dass sie nicht wirklich erkennen, dass zum Beispiel das Hingezogen fühlen zu einer schwarzen Szene dementsprechend auch die optische Bereitschaft sich so zu kleiden, zu stylen nicht einher gehen mit einer Suizidgefahr und mit einer Drogenabhängigkeit. Denn oft sind es die scheinbar im beruflichen Leben funktionierenden, ganz normalen Menschen, die sich umbringen. Also ich weiß, dass es immer wieder, wenn jemand im Bekanntenkreis an Heroin gestorben ist, dass das oft Leute waren, die als unheimlich patent und erfolgreich eingestuft wurden.

a.jo: Das geht ja auch immer einher mit Hilflosigkeit von den Eltern und diesem Verantwortungsbewusstsein.

E.H.: Ja. Sicher, aber damit scheitert man immer. Aber insofern, wenn sie einen Papa hat, der sich in der Schwarzen Szene bewegt, dann wird sie 100% was anderes aufgreifen, schon allein deswegen.

A.V.: Wer weiß, was es in 10 Jahren gibt. Es muss irgend etwas Neues kommen.

E.H.: Vielleicht Cyber-Jokey.

a.jo: Hattest du eigentlich eine äußerliche Sturm– und Drangphase, weil du das immer betonst, dass du relativ normal gekleidet bist.

E.H.: Ich habe die Haare wachsen lassen. Es war natürlich eher ein moralischer Anspruch, Idealist oder so. Ich war schon immer Musiker. In der klassischen Musik ist immer ein Druck da, der dich wohl zurückhält und du kannst nicht abhängen und ausleben. Denn du hast einfach jede Woche Unterricht. Wenn du nicht geübt hast, ist das eben blöde. Alle anderen Leute haben es wirklich viel schöner im Studentenleben gehabt. Aber Musikhochschulen sind immer ein Handwerksbetrieb gewesen. Man ist ständig unter Kontrolle gewesen und ich war eher immer in einer Betrachterposition. Ich bin natürlich gerne zu Punkkonzerten gegangen oder in Diskos, aber das war immer nur in einem bestimmten Zeitbereich möglich. Alexander hat es dann schon eine Zeitlang intensiver krachen lassen, im wilden Berlin.

A.V.: Sicher.

E.H.: Du kannst ja schreiben, sicher Pünktchen, Pünktchen.

a.jo: Punkte sagen mehr als Worte. Du hast deine erste Soloplatte als Rotweinplatte bezeichnet...

A.V.: Nein, nicht ich. Das war eine Kritik von der Plattenfirma, so ein Schmarren muss man ja schreiben. Aber es steht schließlich für Romantik und Geniessen und zurücklehnen.

a.jo: Ich hatte mir nämlich jetzt überlegt, ob das jetzt eine Martini D´Oro – Platte ist?

A.V.: Die hier? Tja.

E.H.: Da werden wir mal lieber keine Ideen heraus hauen, weil die übel meinenden Kritiker dann kommen und über uns herfallen. Um uns reinzubuttern, vergleichen sie es nachher mit Abführmitteln.

A.V.: Aber, wie wenn man das Glas in der Hand hält, um Genuß vorzubereiten und nicht als Trink–Synonym nimmt, ist es sicher eine Platte, die man alleine oder zu zweit einlegt und genießen sollte. Das ist keine Aufputschplatte, die einen zur richtigen Stimmung bringt, um dann in den düstersten Club der Stadt zu gehen.

a.jo: Ist eigentlich die Frauenstimme auf dem neuen Album, eine aus dem Computer stammende?

A.V.: Die Stimme bei „Hands White“, dass ist Sabine Lutzenberger von „Helium Vola“.

E.H.: Ja, sie kann italienisch, in sofern haben wir sie gleich genommen.

a.jo: Könntest du dir eigentlich vorstellen einen anderen Sänger oder Sängerin bei Deine Lakaien zuzulassen.

E.H: Das wäre doch mal was, das ist doch eine Idee.

A.V.: Wie zuzulassen, meinst das Peter Heppner soll das nächste Deine Lakaien Album singen.

E.H:: Ja, ja.

a.jo: Vielleicht einmal ein Duett?

A.V.: Ja, ich habe jetzt ein Duett eingesungen, aber nicht für Deine Lakaien, sondern ich als Gast. Ich kann mir alles vorstellen.

E.H.: Bei U2 hat doch der Edge auch mal gesungen.

A.V.: Ach so, du meinst das Ernst Horn singt, nein, um Gottes Willen, weil Edge hat auch mal gesungen, ja ja.

E.H.: Der war gar nicht schlecht.

A.V.: Du wirst es gar nicht glauben, es gibt Passagen in einzelnen Lakaien Songs, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind, aber durchaus existieren, als veröffentlichte Produkte, dort ist Ernst Horn Stimme zu hören. Er hat zum Beispiel „Love Me To The End“ gesungen.

E.H.: Na, jetzt aber.

A.V.: Nein.

E.H.: Ja, wenn ich einmal ein Sample gebraucht habe.

A.V.: Ein Scherzchen. Das Geräusper auf MayBe. Als Duett–Partner meintest du jetzt? Ja, mit Bono hätte ich kein Problem oder David Bowie?

a.jo: Also David Bowie nur wenn wir dann ein Interview zu dritt machen!

E.H.: Oder Marilyn Manson.

A.V. Ich glaube Ernst Horn und Marilyn Manson in einem Studio, das wäre köstlich, obwohl ihr würdet euch vielleicht wunderbar verstehen. Er ist glaube ein ganz belesener, intelligenter, smarter Typ.

E.H.: Er war früher Journalist.

a.jo: Aber die Texte?

A.V.: Das ganze Ding ist im Grunde eine Dampframme. Es ist eine riesengroße Travestie Show auf Death Travestie gemacht.

E.H.: Ich glaube, für ihn wäre ich ein geeignetes Objekt, was man mal aus der Reserve locken kann.

a.jo: Hättet ihr eigentlich Probleme mit irgendwelchen Größen?

E.H.: Ach wir kennen doch keine, aber du kennst ein paar?

A.V.:Größen? Die sind alle winzig, die Sänger. Du kennst auch bekannte Leute.

E.H.: Ich kenne keine bekannten Leute.

A.V.: Wo fängt bekannt denn an?

á.jo: Okay, dass ist sehr subjektiv. Ich dachte vielleicht an so ein Popidol, vor dem man stehen würde und erstmal tief durchatmet.

A.V.: Nein. Also, es ist manchmal so, dass man Leute total nett findet, aber die Musik nicht mag und umgekehrt genauso. Insofern bin ich manchmal ein bisschen vorsichtig, wenn ich merke da sitzt jemand im Raum, dem man vorgestellt werden soll und der auch bekannt ist. Das war neulich so eine komische Situation, ein sehr bekannter deutscher Sänger oder Künstler wurde mir auf einer Partie vorgestellt, von gleich vier Leuten von einer Plattenfirma. Dann hat man sich angeguckt und festgestellt, dass man auf gleicher Augenhöhe ist, also noch so ein Zwerg, und dann war Stille. Man hat sich zugeprostet und sich einen schönen Abend gewünscht. Das war so schrecklich.

E.H.: War das Peter Heppner?

A.V.: Nein, es war nicht Peter Heppner. Ganz anderes Genre, mit jemanden mit dem man sonst nicht zusammenkommt. Das ist ein Berlin-Ding, früher saß man auch in der Kneipe und zwei Barhocker weiter war Nick Cave, das war einfach ganz normal. Aber gut, wenn jetzt hier die Tür aufgeht und David Bowie gleich vorbei kommt, da würde jeder von uns ein bisschen schlucken.

E.H.: Ich würde mich freuen, weil das ist ein Typ, dem würde ich einfach gerne mal die Hand geben oder Hallo sagen.

A.V.: Aber hast du neulich nicht erzählt, dass du dich nicht getraut hast jemanden anzusprechen, den du sehr schätzt.

E.H.: Ja, einen Schriftsteller. Ich habe mich nicht getraut, mir ein Autogramm geben zu lassen. Also bei Stars habe ich kein Problem.

A.V.: Es gibt tatsächlich Leute, die zittern, wenn sie einen sehen. Das ist eine Erfahrung, die man erstmal so machen und einordnen muss.

E.H.: Das ist auch eine Altersfrage.

A.V.: Nicht unbedingt. Es hat, glaube ich, nichts mit dem Alter zu tun; klar bei Jüngeren ist es oft so, dass sie aufgeregt sind, weil sie einen als jemanden sehen, der irgendwie eine Legende ist. Was man selbst gar nicht so nachvollziehen kann, weil man immer denkt man ist jung.

a.jo: Habt ihr jetzt Wünsche...

E.H.: Mit dem Album oder mit dem Leben?

a.jo: Mit dem Album!

A.V.: Ja, vielleicht Europa, dass man vielleicht mehr Aufmerksamkeit im Ausland findet. Das wäre ein Ziel im Bezug auf diese Musik.

a.jo: Ihr arbeitet meist konträr, seid ihr derzeit in einem Projekt eingebunden? E.H.: Ja ich habe ganz viele Pläne, aber was daraus so wird, ist bekanntlich was anderes. So direkt weiß ich noch nichts.

A.V.: Nein, es ist noch nichts in Arbeit. Aber im Kopf spinnt man natürlich weiter. Ich habe natürlich Veljanov III angedacht, aber es gäbe so viel auszuprobieren.

a.jo: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute.

a.jo

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