 A.V.: Ja. Gut, Poser hast du überall, im HipHop, sowie im Dark Wave. Leute die einfach nur den Kult um den Underground machen. Das eine gewisse musikalische Engstirnigkeit da ist, störte mich schon immer. Schon damals als ich ein aktives Mitglied in der Gothic/Batcave Szene war. Es gibt überall solche und solche.
a.jo: Kann ich nicht einschätzen, weil ich dort noch nie war ... A.V.: Ja, aber unsere Fans haben sich damit abfinden müssen, also die ehemaligen, ursprünglichen Hardchore–Gruftis, oder was auch immer, dass auch mal Jeansträger, Hippies, Altrocker und sonstige Leute im Publikum stehen. Wenn die Leute die Nase gerümpft und sich abgewandt haben, kann man auf sie verzichten. Wir wollten nie den Soundtrack zu ihrer Modenschau abliefern.
a.jo: Hat sich eigentlich ein Wandel vor der Bühne vollzogen, wenn man überlegt, dass ihr 15 Jahre auf der Bühne steht ... E.H.: Ja, es sind mehr geworden. Das ist klar. Es sind uns auch viele Gothics treu geblieben, die dann auch keine Gothics mehr waren, weil sie älter geworden sind. Es sind viele Neue dazugekommen und auch der ganz harte Kern, der sonst nur zu Sopor Aeternus geht ... A.V.: Na gut, es sind auch viele Leute, die jetzt um die 20 sind und damals 9 oder 8 waren, als wir schon Erfolg hatten.
a.jo: Die durften dann noch nicht zu euren Konzerten. A.V.: Die damals 20 waren, die sind jetzt über 30 und vielleicht auch optisch nicht mehr die Szenegoths, sondern bestimmt jetzt Familienväter oder haben Funktionen im Berufsleben, sind Lehrer, was auch immer geworden, aber hören trotzdem noch Dark Wave, oder was auch immer als das bezeichnet wird.
a.jo: Wie fassen eigentlich Freunde oder Partner eure Texte auf, denken sie, ob ihr Probleme habt oder ob man eingreifen muss?
Ich habe mir überlegt, wenn mein Partner solche tief melancholische Texte verfassen würde, ob irgendwas in der Beziehung falsch ist, oder ob man den Menschen im Leben behindert? E.H.: Also bei mir ist es so, wenn man mich kennt, kennt man mich. Klar es gibt manchmal im Umfeld Leute, die sagen, dass das nicht passt, was du dafür Texte machst. Von meinen ehemaligen Partnerinnen kam da nichts, sie haben auch nie groß etwas hinein interpretiert. Die kannten mich halt. Das war nie ein Problem, ich weiß nicht, wie das bei dir war. A.V.: Also, wer mich kennt, der weiß, dass ich eher ein Beobachter bin, der in Rollen schlüpft. Deswegen habe ich mit Fremdtexten auch kein Problem. Das ich Ernsts Texte genauso glaubwürdig versuche zu interpretieren.
a.jo: Was passiert eigentlich, wenn euer kleine Steppke in Schwarz vor euch steht, würdet ihr eure eigenen Platten empfehlen? E.H.: Also meine kleine ist eine Tochter. Ach, das ist auch nur so eine Phase. A.V.: Die hält bis ans Lebensende. E.H.: Ja, ich hoffe, dass sie selber Musik macht. A.V.: Aber nicht beruflich. E.H.: Nein, muss nicht. Das sie einfach einen guten Musikgeschmack kriegt. Dann hoffe ich, dass sie einfach nicht nur schwarz hört, sondern, dass sie auch klassische Musik hört. Aber ich weiß, dass man in bestimmten Alter bestimmte Szenen aufsucht. Das einzig wichtige wäre mir, dass sie nicht in die Drogenszene gerät. A.V.: Das ist glaube auch der Fehler von vielen Eltern, oder Mütter und Väter, dass sie nicht wirklich erkennen, dass zum Beispiel das Hingezogen fühlen zu einer schwarzen Szene dementsprechend auch die optische Bereitschaft sich so zu kleiden, zu stylen nicht einher gehen mit einer Suizidgefahr und mit einer Drogenabhängigkeit. Denn oft sind es die scheinbar im beruflichen Leben funktionierenden, ganz normalen Menschen, die sich umbringen. Also ich weiß, dass es immer wieder, wenn jemand im Bekanntenkreis an Heroin gestorben ist, dass das oft Leute waren, die als unheimlich patent und erfolgreich eingestuft wurden.
a.jo: Das geht ja auch immer einher mit Hilflosigkeit von den Eltern und diesem Verantwortungsbewusstsein. E.H.: Ja. Sicher, aber damit scheitert man immer. Aber insofern, wenn sie einen Papa hat, der sich in der Schwarzen Szene bewegt, dann wird sie 100% was anderes aufgreifen, schon allein deswegen. A.V.: Wer weiß, was es in 10 Jahren gibt. Es muss irgend etwas Neues kommen. E.H.: Vielleicht Cyber-Jokey.
a.jo: Hattest du eigentlich eine äußerliche Sturm– und Drangphase, weil du das immer betonst, dass du relativ normal gekleidet bist. E.H.: Ich habe die Haare wachsen lassen. Es war natürlich eher ein moralischer Anspruch, Idealist oder so. Ich war schon immer Musiker.
In der klassischen Musik ist immer ein Druck da, der dich wohl zurückhält und du kannst nicht abhängen und ausleben.
Denn du hast einfach jede Woche Unterricht. Wenn du nicht geübt hast, ist das eben blöde. Alle anderen Leute haben es wirklich viel schöner im Studentenleben gehabt. Aber Musikhochschulen sind immer ein Handwerksbetrieb gewesen. Man ist ständig unter Kontrolle gewesen und ich war eher immer in einer Betrachterposition. Ich bin natürlich gerne zu Punkkonzerten gegangen oder in Diskos, aber das war immer nur in einem bestimmten Zeitbereich möglich. Alexander hat es dann schon eine Zeitlang intensiver krachen lassen, im wilden Berlin. A.V.: Sicher. E.H.: Du kannst ja schreiben, sicher Pünktchen, Pünktchen.
a.jo: Punkte sagen mehr als Worte. Du hast deine erste Soloplatte als Rotweinplatte bezeichnet... A.V.: Nein, nicht ich. Das war eine Kritik von der Plattenfirma, so ein Schmarren muss man ja schreiben. Aber es steht schließlich für Romantik und Geniessen und zurücklehnen.
a.jo: Ich hatte mir nämlich jetzt überlegt, ob das jetzt eine Martini D´Oro – Platte ist? A.V.: Die hier? Tja. E.H.: Da werden wir mal lieber keine Ideen heraus hauen, weil die übel meinenden Kritiker dann kommen und über uns herfallen. Um uns reinzubuttern, vergleichen sie es nachher mit Abführmitteln. A.V.: Aber, wie wenn man das Glas in der Hand hält, um Genuß vorzubereiten und nicht als Trink–Synonym nimmt, ist es sicher eine Platte, die man alleine oder zu zweit einlegt und genießen sollte. Das ist keine Aufputschplatte, die einen zur richtigen Stimmung bringt, um dann in den düstersten Club der Stadt zu gehen.
a.jo: Ist eigentlich die Frauenstimme auf dem neuen Album, eine aus dem Computer stammende? A.V.: Die Stimme bei „Hands White“, dass ist Sabine Lutzenberger von „Helium Vola“. E.H.: Ja, sie kann italienisch, in sofern haben wir sie gleich genommen.
a.jo: Könntest du dir eigentlich vorstellen einen anderen Sänger oder Sängerin bei Deine Lakaien zuzulassen. E.H: Das wäre doch mal was, das ist doch eine Idee. A.V.: Wie zuzulassen, meinst das Peter Heppner soll das nächste Deine Lakaien Album singen. E.H:: Ja, ja.
a.jo: Vielleicht einmal ein Duett? A.V.: Ja, ich habe jetzt ein Duett eingesungen, aber nicht für Deine Lakaien, sondern ich als Gast. Ich kann mir alles vorstellen. E.H.: Bei U2 hat doch der Edge auch mal gesungen. A.V.: Ach so, du meinst das Ernst Horn singt, nein, um Gottes Willen, weil Edge hat auch mal gesungen, ja ja. E.H.: Der war gar nicht schlecht. A.V.: Du wirst es gar nicht glauben, es gibt Passagen in einzelnen Lakaien Songs, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind, aber durchaus existieren, als veröffentlichte Produkte, dort ist Ernst Horn Stimme zu hören.
Er hat zum Beispiel „Love Me To The End“ gesungen. E.H.: Na, jetzt aber. A.V.: Nein. E.H.: Ja, wenn ich einmal ein Sample gebraucht habe. A.V.: Ein Scherzchen. Das Geräusper auf MayBe. Als Duett–Partner meintest du jetzt? Ja, mit Bono hätte ich kein Problem oder David Bowie?
a.jo: Also David Bowie nur wenn wir dann ein Interview zu dritt machen! E.H.: Oder Marilyn Manson. A.V. Ich glaube Ernst Horn und Marilyn Manson in einem Studio, das wäre köstlich, obwohl ihr würdet euch vielleicht wunderbar verstehen. Er ist glaube ein ganz belesener, intelligenter, smarter Typ. E.H.: Er war früher Journalist.
a.jo: Aber die Texte? A.V.: Das ganze Ding ist im Grunde eine Dampframme. Es ist eine riesengroße Travestie Show auf Death Travestie gemacht. E.H.: Ich glaube, für ihn wäre ich ein geeignetes Objekt, was man mal aus der Reserve locken kann.
a.jo: Hättet ihr eigentlich Probleme mit irgendwelchen Größen? E.H.: Ach wir kennen doch keine, aber du kennst ein paar? A.V.:Größen? Die sind alle winzig, die Sänger. Du kennst auch bekannte Leute. E.H.: Ich kenne keine bekannten Leute. A.V.: Wo fängt bekannt denn an?
á.jo: Okay, dass ist sehr subjektiv. Ich dachte vielleicht an so ein Popidol, vor dem man stehen würde und erstmal tief durchatmet. A.V.: Nein. Also, es ist manchmal so, dass man Leute total nett findet, aber die Musik nicht mag und umgekehrt genauso.
Insofern bin ich manchmal ein bisschen vorsichtig, wenn ich merke da sitzt jemand im Raum, dem man vorgestellt werden soll und der auch bekannt ist. Das war neulich so eine komische Situation, ein sehr bekannter deutscher Sänger oder Künstler wurde mir auf einer Partie vorgestellt, von gleich vier Leuten von einer Plattenfirma.
Dann hat man sich angeguckt und festgestellt, dass man auf gleicher Augenhöhe ist, also noch so ein Zwerg, und dann war Stille. Man hat sich zugeprostet und sich einen schönen Abend gewünscht. Das war so schrecklich. E.H.: War das Peter Heppner? A.V.: Nein, es war nicht Peter Heppner. Ganz anderes Genre, mit jemanden mit dem man sonst nicht zusammenkommt.
Das ist ein Berlin-Ding, früher saß man auch in der Kneipe und zwei Barhocker weiter war Nick Cave, das war einfach ganz normal.
Aber gut, wenn jetzt hier die Tür aufgeht und David Bowie gleich vorbei kommt, da würde jeder von uns ein bisschen schlucken. E.H.: Ich würde mich freuen, weil das ist ein Typ, dem würde ich einfach gerne mal die Hand geben oder Hallo sagen. A.V.: Aber hast du neulich nicht erzählt, dass du dich nicht getraut hast jemanden anzusprechen, den du sehr schätzt. E.H.: Ja, einen Schriftsteller. Ich habe mich nicht getraut, mir ein Autogramm geben zu lassen. Also bei Stars habe ich kein Problem. A.V.: Es gibt tatsächlich Leute, die zittern, wenn sie einen sehen. Das ist eine Erfahrung, die man erstmal so machen und einordnen muss. E.H.: Das ist auch eine Altersfrage. A.V.: Nicht unbedingt. Es hat, glaube ich, nichts mit dem Alter zu tun; klar bei Jüngeren ist es oft so, dass sie aufgeregt sind, weil sie einen als jemanden sehen, der irgendwie eine Legende ist. Was man selbst gar nicht so nachvollziehen kann, weil man immer denkt man ist jung.
a.jo: Habt ihr jetzt Wünsche... E.H.: Mit dem Album oder mit dem Leben?
a.jo: Mit dem Album! A.V.: Ja, vielleicht Europa, dass man vielleicht mehr Aufmerksamkeit im Ausland findet. Das wäre ein Ziel im Bezug auf diese Musik.
a.jo: Ihr arbeitet meist konträr, seid ihr derzeit in einem Projekt eingebunden?
E.H.: Ja ich habe ganz viele Pläne, aber was daraus so wird, ist bekanntlich was anderes. So direkt weiß ich noch nichts. A.V.: Nein, es ist noch nichts in Arbeit. Aber im Kopf spinnt man natürlich weiter. Ich habe natürlich Veljanov III angedacht, aber es gäbe so viel auszuprobieren.
a.jo: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute. a.jo
|