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Rio Reiser - König von Deutschland |
29.08.2001
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Rio Reiser wird zumeist reduziert auf seinen einzigen Nummer-Eins-Hit "König von Deutschland" von 1986 und vielleicht noch "Junimond" aus dem selben Jahr, beide Titel durch die Cover von Echt seit letztem Jahr auch einem jüngeren Publikum bekannt.
 Was er vor seiner zehnjährigen Solokarriere musikalisch gemacht hat, ist vielen nicht so geläufig. 1970 gründete er mit R.P.S. Lanrue, Wolfgang Seidel und Kai Sichtermann die Politrock-Band "Ton Steine Scherben". Bekanntheit errang die Gruppe vor allem durch Rio Reiser´s Gesang und der Tatsache, dass erstmals Rock nicht nur eingedeutscht, sondern mit deutschen Texten, die Jugendliche damals und manchmal heute noch aus dem Herzen sprachen, auskam.
Lange Zeit war das Standardwerk für an der Gruppe Interessierte neben der Kult-Platte "Keine Macht für Niemand" nur die Autobiographie Rio Reisers. Diese schreib er mit Hannes Eyber, u. a. Produzent von Ton Steine Scherben und Rio Reiser´s Solo-Platten.
Die erste Auflage erschien 1994 mit goldenem Einband im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Die zweite Auflage kam 1997, ein Jahr nach Rio´s Tod, mit einem roten Cover heraus. Zwei Jahre später war auch diese ausverkauft.
Weil der Verlag keine Neuauflage plante, fielen die Rechte für das Buch an Rios Erben. Möbius Rekords bringt nun eine von der Umschlaggestaltung gänzlich andere Auflage heraus. Angelehnt an die "Rio am Piano"-CDs der gleichen Plattenfirma hüllt sich der Schutzumschlag in ein monochromes dunkelgrün/sepia. Im Regal wirkt das Buch wie ein alter, abgegriffener, weil häufig gelesener Roman, der selbst heute noch fasziniert.
Aber es wirkt nicht nur, es ist tatsächlich so.
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 Die Geschichte von Rio Reiser beginnt 1950. Bildlich beschreibt er, wie er als erstes Licht der Welt das Blitzlicht seines Vaters wahrnahm. Weiter geht es mit seiner Kindheit, der Verzweiflung bei der Suche nach einer geeigneten Schule und den ersten vorsichtigen Versuchen am Klavier und an der Gitarre.
Genauso wie Rios Stimme das Ohr am Lautsprecher fesselt, hält diese knappe, bildhafte, muntere Sprache das Auge auf den Seiten. Es ist eines dieser Bücher, die am Stück oder nach Zufall geöffnetem Kapitel gelesen werden können. Das ist auch gut so, denn selbst nach mehrmaligem Lesen wird es nicht langweilig, erheitert die gleiche Anekdote aufs Neue.
Mit einem erstaunlich genauen Blick für die Kleinigkeiten, die eine Situation oder Stimmung treffend beschreiben, rollt Rio Reiser ein Stück Jugendkultur von unten auf:
"Der eine oder andere wird sich fragen: Hatte diese Band keine schlaflosen Nächte, fieberte sie nicht danach, ihre erste Platte aufzunehmen, träumte sie nicht von Erfolg, dem Beginn einer steilen Karriere, fuhr sie nicht insgeheim schon im Rolls-Royce über den Kudamm und vernaschte Groupies wie andere Gummibärchen? Nein. Warum Nein?"
Die Antwort im Buch ist ein wertvolles Zeitdokument, eine wahre Geschichte über die Siebziger Jahre, die Politik, die Drogen und die Musik. Und ganz wichtig: wie all das zusammen passte – oder eben nicht:
"Wer 1970 damit rechnete, mit Titeln wie "Wir streiken" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht" die Hitparaden zu stürmen oder bei Dieter "Thomas" Heck auftreten zu dürfen, mußte ein gestörtes Verhältnis zur Realität haben."
Die Schwierigkeiten einer Band mit solchen Songs begannen beim Proben, nahmen bei Auftritten oder Polizeikontrollen ihren Lauf und hörten beim Leben nicht auf.
"Sieben Jahre hatte ich mir die Nächte mit Nutten und Strichern um die Ohren gehauen. Mein Konsum an Drogen und Alkohol hätte jeden normalen Sterblichen längst unter die Erde gebracht."
1985 begann der Niedergang. Die Band Ton Steine Scherben löste sich auf. Rio Reiser machte solo weiter und schaffte wenige Monate später den Sprung auf Platz Eins der Hitparade. In den folgenden Jahren veröffentlichte Rio sechs Solo-Alben, doch viel Erfolg war ihm nicht mehr vergönnt. 1996 starb er fast unbeachtet an Herzversagen.
So ist es keinesfalls ein Zufall, dass das Buch mit dem Beginn der Solo-Zeit endet. Die Zeit vorher war einfach die prägende, die andere nur ein Zehren an Idealen, Hoffnungen, Träumen.
Wie kein anderer hat Rio Reiser die deutsche Musikszene geprägt und wie kein anderer wurde er trotzdem übersehen, ignoriert und vergessen.
Seine Autobiographie spiegelt die Bewegung der 68er so wieder, wie sie in keinem Dokumentarfilm dargestellt werden kann, aus der Sicht von einem, der sie vertont, der die Gedanken der Aufständischen zu Songtexten geformt hat.
Dieses Buch macht das Verständnis eines Menschen einfacher, der sich selbst nicht immer verstand.Robert Kneschke
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Das untere Bild ist dem Buch entnommen und zeigt die Urbesetzung von Ton Steine Scherben 1970 auf dem Mariannenplatz in Berlin Kreuzberg. (v.l.n.r.) Wolfgang Seidel, Rio Reiser, Kai Sichtermann, R.P.S. Lanrue http://www.tonsteinescherben.de http://www.rioreiser.de
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