bloom

Magazin -> Archiv

Interview mit J.G. Thirlwell, Foetus ... 

14.06.2001

Was hast Du die letzten 6 Jahre über gemacht, als kein Album erschienen ist? Was machst du neben Musik noch?

Ich war als Musiker tätig, auch wenn die Musik nicht veröffentlicht wurde. Man kann mein Leben nicht an meinen Veröffentlichungen messen.

Interview mit J.G. Thirlwell, Foetus ...Interview mit J.G. Thirlwell, Foetus ...1995 und 1996 bin ich durch die Welt getourt. Danach habe ich einige Live - Dokumente veröffentlicht (boil, york). Vergleichbar mit dem Portrait des Dorian Gray haben sich gefährliche Todeswünsche, apokalyptische Visionen und negative Ansichten, sowie Ängste und Hass gegen mich selber entwickelt, bis hin zum Punkt sich selber zu zerstören, ich betäubte mich, um Gefühle und Terror zu verdrängen. Ich hatte Black-Outs und wachte in Notaufnahmen auf. Als ich den Tod an mir vorbeiziehen sah, zog ich die Notbremse. Dann kam eine schwierige Zeit und ich musste Dinge in mein Leben zurückholen und lernen einen neuen Weg zu gehen.

Woher hast du die Energie und Kraft genommen, woanders neu anzufangen - und den Glauben es dort zu schaffen? Zum Beispiel 1978, als du von Melbourne nach London gegangen bist?

Ich weiß nicht, ob ich den Glauben hatte es in London zu packen. Ich dachte ich könnte überleben. Es ist immer noch etwas, was mich erstaunt, aber ich war von Energie und Erregung des Post Punks mitgerissen und ich wusste, ich wollte etwas mit Musik machen. Weg von der geographischen / kulturellen Isolation und vielleicht weg von anderen Fesseln und mein Leben neu überdenken.

An was oder wen glaubst Du?

Es ist eine tägliche Aufgabe an mich selber zu glauben und ich glaube, dass ist eine spirituelle Suche und deswegen habe ich keine Antwort zu diesem Bereich. Ich würde gerne glauben, dass es Liebe und Tod sind.

Vielleicht ist das sehr privat aber wie würdest du dich beschreiben, die Sicht die du auf dich hast?

Workaholic, Kontrolfreak, Künstler, Komponist, Produzent, Nörgler über die Stadt, manisch ausdrucksvoll / verklemmt / heuldoch. Ein Liebhaber und kein Kämpfer, ein Kämpfer und kein Liebhaber (je nach dem, wann du mich triffst).

Komponierst Du eher bewusst oder eher intuitiv?

Zur Zeit läuft es viel intuitiver ab, was einen Widerspruch mit sich bringt, wenn du mit Maschinen arbeitest, aber ich fühle, dass ich Musik machen kann, die durch die Maschinen sehr ergreifend wird. Es ist beides, aber ich gebe mich mehr dem Instinkt hin und weiss, was ich möchte, dass braucht dann Zeit bis es entsteht. Wenn ich im Studio bin, passiert dann meistens etwas.

Viele Leute entnehmen deiner Musik dämonisches oder böses, was denkst du über solche Vergleiche?

Ich bin zu nahe dran, es überrascht mich manchmal, aber es gibt einen gewissen Grad von Intensität und Erregung oder es gibt Energie, die mich zur Arbeit inspiriert, selbst bei nachdenklichen Sachen. Vielleicht haben einige Sachen diese gewisse Energie, ich glaube die Leute haben manchmal wirklich Grund darüber erschrocken zu sein.

Woher nimmst du die Energien deine Ideen in Musik umzusetzen?

Es ist erschöpfend, du gehst schlafen und wachst am nächsten Tag auf : ´Da ist ein Konzept´. Ich glaube ich habe vor einiger Zeit gelernt, dass man in kurzer Zeit Berge versetzen und große Projekte realisieren kann, wenn man sie bis zu Ende verfolgt.

Was für Vorteile ergeben sich, wenn man alleine arbeitet? Ergeben sich dadurch auch Nachteile?

Man kann niemanden die Arbeit übertragen. Ich bin begrenzt mit meinem musikalischen Geschick und ich habe vor, Zupf-,Bogen, - etc. Instrumente zu verwenden, wenn auch nur im Hintergrund. Abgesehen davon, dass Foetus mehr Erfahrungen alleine gemacht hat und ich bevorzuge diesen Weg, alles selber im Studio zu machen, da ich ein Kontrollfreak bin, wobei zu sagen ist, dass sich meine Arbeitsweise ständig ändert. Bis man einen Chip erfindet, den man in mein Gehirn implantiert, damit meine musikalischen Stimmungen und Impulse auf andere Menschen übertragen werden können, werde ich vornehmend alleine arbeiten. Ich bin glücklich mit meinem Kopf und alleine zu sein. Andere Menschen sind so eine Enttäuschung...

Interview mit J.G. Thirlwell, Foetus ...Interview mit J.G. Thirlwell, Foetus ...Mit welchen Worten würdest du deine Musik umschreiben?

Jeder Song ist total verschieden, es ist nicht mein Job Reviews über meine Songs zu schreiben, sondern eher eurer? Foetus bleibt sowohl ein fester Bestandteil meiner Arbeit als auch unerforschtes Gebiet, etwas, das sich aus der Vergangenheit nährt und sich ständig weiterentwickelt. Das Wesen von Foetus als ´Institution´ ist zwiegespalten - musikalisch berührt es sehr verschiedene Stimmungen und Stile, also ist seine einzige Kategorisierung deren Verneinung oder es wurde eine neue Richtung erfunden. Aber ich denke, dass ich alles durchschreite vom traditionellen Songwriting, konkreter Musik, Elektronik, Soundstrukturen, Noise, intensive Gefühle etc., meistens alles in einem Song. Aus dem Repertoire von Foetus könnte man drei weitere Studioalben schaffen, z.B. aus nicht beendetem oder zurückgehaltenem Material, ungeachtet der Remixe und Bootlegs etc., aus denen man dann zehn weitere Alben herausholen könnte. Das ist der ewige Kreislauf. Das Konzept der letzten Alben war folgendes: ´Das ist was du hörst, bevor sie die riesige Bombe werfen, töte deine Eltern und danach dich selbst.´ In ´Gash´, worauf ich sehr stolz bin, habe ich dieses Gefühl auf seinen Höhepunkt gebracht. Wie auch immer, du kannst dann nicht einfach sagen und ´jetzt etwas anderes ´. Im Titel Flow liegt die Absicht ein Kontinuum darzustellen statt ein Ende. Es ist ein Weg und ein Prozess und eine Kurzaufnahme im Jetzt und für immer. Auf einer Art ist es kultiviert, unwiderstehlich und ein Wegweiser mit einigen typischen Elementen von Foetus, wenn es die denn gibt und auch viel Zukunftweisendes . Neben Foetus gibt ein neues Projekt ´Manorexia´, das mehr im Ambientbereich liegt. Das Album heisst ´Volvox Turbo´ und es ist sehr düster wenn nicht erschreckend. Das Hauptanliegen hinter ´Manorexia´ ist die Spontaneität und das dem - Instinkt - folgen, der Sound ist weitläufig. Das Konzept begann als Ambientalbum, und entwickelte sich zu einer Art akustischem heimtückischem psychologischem Drama, es war eine Reaktion gegen das Musikbusiness und gegen das ständige unter - Aufsicht - stehen, genau das, was ich damals (hören) wollte. Dieses Album wird nur über die Foetus web-site (http://www.foetus.org) und vielleicht auf der Tournee verkauft. Es erscheint im Mai 2001. Ich bereite eine Manorexia Live - Präsentation an einem theaterähnlichen Ort in L.A. vor, für Mai/Juni 2002. Sie wird aus visuellen, Streicher-, Percussion- und Elektronikelementen bestehen. Außerdem bin ich halb fertig mit einem Album, das wohl 2002 erscheinen wird. Obwohl es wieder rein instrumental ist, unterscheidet es sich sehr von Manorexia. Jedenfalls ist es mir egal ob ich in die Schublade traditionell, ambient oder was auch immer gesteckt werde.

´Schnall Dich an, Baby´ - Hast du dich verändert, als du bemerkt hast, dass du Leute inspirieren und beeinflussen kannst, Stimmungen und Launen verändern, wenn ja in wie fern?

Nein es veränderte mich nicht. Ich war etwas verbittert darüber so ausgenutzt worden zu sein, aber ich denke künstlerisch ist es wie eine makellose Leiche, von der ich mich nähre und ich höre nicht Alex Harvey oder Buddy Rich an meine Tür klopfen (die sind ja sowieso tot). Beim komponieren denke ich nicht darüber nach, ob meine Musik nun in das große Musikpantheon paßt, ich schöpfe aus tieferen Quellen.

Interview mit J.G. Thirlwell, Foetus ...Interview mit J.G. Thirlwell, Foetus ...Ich weiß nicht ob es an mir ist zu sagen, wen ich inspiriert haben könnte, das wird sich später schon zeigen. Hoffentlich gestaltet sich das positiv.

Wenn du die erste Foetusveröffentlichungen mit deinem letzten Album ´Flow´ vergleichst, hat sich irgend etwas in der Art der Arbeit geändert, bis du kritischer geworden und siehst es jetzt aus einer anderen Perspektive?

Im Gegensatz zu früheren Zeiten höre ich meine Alben nach der Veröffentlichung eher selten. Ich beginne mit dem nächsten und höre es, wenn ich daran arbeite, ziemlich oft. Natürlich gibt es viele Unterschiede zu der Vergangenheit, damals arbeitete ich viel schneller aber weniger ausgefeilt, in seiner Jugend hat man eben noch weniger Rüstzeug. Trotzdem bin ich stolz auf meine Sachen, ich wäre sonst nicht da, wo ich jetzt stehe.

Auf welcher Idee basiert ´Flow´ und zu welcher Beziehung steht es zum zukünftigen Album ´Blow´?

´Blow´ aka Overflow ist das Co-Album zu Flow, die Songs werden neu interpretiert und abgemischt. Die Remixes stammen von : Amon Tobin,Kid 606,Panacea,Franz Treichler (Young Gods),FM Einheit,DJ Food, Charlie Clouser (NIN),Pan Sonic,Jay Wasco (Johnny Skilsaw),Sean Beavan,Ursula1000, Phylr und auch J.G.Thirlwell. Davon erwarte ich mir etwas neues, etwas, auf das ich von allein wahrscheinlich gar nicht gekommen wäre. Diese Musiker habe ich ausgewählt, weil ich sie sehr schätze und ich war sehr gespannt was sie daraus machen würden. Einige von ihnen kannte ich schon vorher, die anderen lernte ich erst durch das Projekt näher kennen. Sie haben großartige Arbeit geleistet. Im November möchte ich eine Performance in Los Angeles machen, wo einige der Remixer dabei sein werden für ein elektronisches DJ / Multimedia Ereignis um Blow zu feiern.

Warum bevorzugst du vier Buchstaben in deinen Albentiteln? Liegt da eine Symbolik drin, vielleicht Numerologie oder Kabbalistik?

Es ist ein Konzept mit dem ich vor vielen Jahren begonnen habe und da liegt eine Schönheit drin, auch wenn einige meinen - ´es wäre nicht ungewöhnlich wenn.....´ Und heute folge ich dem immer noch. Mir ist es wichtig, dass alle Titel aus einsilbigen, mehrdeutigen 4-Buchstabenworten bestehen. Ich weiss instinktiv, wann es das richtige Wort ist.

Meistens arbeitest du alleine. Im Gegensatz dazu gehst du mit anderen Musikern auf Tour und gibst Konzerte, was ist das für eine Umstellung?

Ja, es ist ein komplett anderes Medium. Da ich die Songs auf andere Art komponiert habe, fragte ich mich wie sie wohl live umgesetzt wirken würden. Oftmals erhalten sie durch die Interpretation durch eine Band einen ganz anderen Charakter. Neue Elemente kommen hinzu, alte werden umgewandelt. Voraussetzung ist, dass die Stimmung passt und du dich fallenlassen kannst.

Warum hast du einen deutschen Titel mit ´heuldoch´gewählt? Sprichst du deutsch? Symbole können oft auch falsch interpretiert werden, wie stehst du dazu?

Das ist eine Art Scherz, und bezieht sich auf eine Person, die mich zu diesem Song inspiriert hat. Ich weiss nicht, ob sie es überhaupt weiss, wenn doch, wäre sie sicherlich etwas traurig aber es war genau, dass, was ich gefühlt habe. Ein armer Narr- der, über den Foetus einen Song schreibt. Ich mag Misinterpretationen, natürlich kann es dann auch Ärger geben aber ich mag es einfach einen intensiven Eindruck bei Menschen zu hinterlassen.

Danke für das Interview.

corinna & a.jo http://www.foetus.org http://www.noisolution.de

Flow

  • 31.05.01 USA Hoboken NJ Maxwell`s
  • 02.06.01 USA Baltimore MD Otto Bar
  • 03.06.01 USA Washington Black Cat
  • 04.06.01 USA Carrborro Cat´s Cradle
  • 05.06.01 USA Atlanta Echo Lounge
  • 06.06.01 USA New Orleans Shim Sham Club
  • 07.06.01 USA Housten Metropol
  • 08.06.01 USA Austin Emo´s
  • 09.06.01 USA Dallas Trees
  • 12.06.01 USA Los Angeles Spaceland
  • 13.06.01 USA San Francisco Slim´s
  • 15.06.01 USA Portland Cobalt Lounge
  • 16.06.01 USA Seattle Graceland
  • 18.06.01 USA Boulder Fox Theater
  • 19.06.01 USA Kansas City The Pyro Room
  • 20.06.01 USA Minneapolis 7th Street Entry
  • 21.06.01 USA Chicago Empty Bottle
  • 23.06.01 USA Detroit Magic Stick
  • 24.06.01 USA Cleveland Euclid Tavern
  • 13.07.01 USA New York Mercury Lounge
  • 14.07.01 USA New York Mercury Lounge
  • 11.09.01 NL Amsterdam arrival
  • 12.09.01 NL Amsterdam Melkweg
  • 13.09.01 NL Groningen Vera
  • 14.09.01 NL Tilburg 013
  • 15.09.01 Hannover Glocksee
  • 16.09.01 Dortmund FZW
  • 17.09.01 Frankfurt Cookies
  • 18.09.01 Köln Underground
  • 19.09.01 Heidelberg Schwimmbad
  • 20.09.01 Stuttgart Röhre
  • 21.09.01 CH Bern Reitschule
  • 22.09.01 CH Winterthur Gaskessel
  • 27.09.01 Slov-Ljubljana Ortu Bar
  • 28.09.01 A Linz Posthof
  • 29.09.01 A Wien Flex
  • 30.09.01 München Backstage
  • 02.10.01 Dresden Starclub
  • 04.10.01 DK Kopenhagen Loppen
  • 05.10.01 Berlin Knaack
  • 06.10.01 Bielefeld Forum
  • 07.10.01 Bielefeld Forum
  • 08.10.01 Hamburg Fabrik

 

 

 

 


 

Powered by form4

Bei Fragen, Anregungen oder Beiträgen eMail an info@bloom.de.
Für die Richtigkeit der oben stehenden Artikel übernehemen wir keine Gewähr.