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Interview mit Slut 

29.01.2001

Am Mittwoch, den 17.01.2001 empfing uns Christian (Chris) Neuburger, Sänger und Gitarrist von Slut und es folgte eine wirklich unterhaltsame und lockere halbe Stunde lustiger Plauderei.

Dann lass uns einfach bei dem Ursprung von Slut beginnen, wie habt ihr euch kennengelernt, wart ihr zusammen auf einer Schule in Ingolstadt?

Drei von uns waren an der selben Schule, wenn auch nicht in der gleichen Jahrgangsstufe. Bevor wir Musik gemacht haben, waren wir alle entweder Brüder oder gute Freunde. Irgendwann haben wir beschlossen nicht nur ins Freibad und in Fussballclubs zu gehen, sondern Musik zu machen, dass war der Beginn von Slut...

Interview mit SlutInterview mit SlutKonntet ihr schon vorher ein Instrument spielen oder singen?

Ja, aber meistens andere Instrumente. Mein Bruder hat erst mal Congas und Percussions gelernt, statt Schlagzeug. Seit ich 7 oder 8 bin, spiele ich Klavier, aber Bandinstrumente haben wir eigentlich gar nicht gespielt

Vergleichbar mit Hausmusik, wie zu Weihnachten?

Ja, alles eher klassisch

Habt Ihr Unterricht genommen?

Nein, wir haben uns das selbst beigebracht

Habt ihr schnell gelernt?

Eigentlich schon, aber Gitarre spiele ich nicht so gut.

Dann musst Du Dich also vor Konzerten immer vorher erst mal entschuldigen ...

Ja (lacht) aber für unsere Zwecke glaube ich, reicht es wohl. Ich übe aber noch weiter ...

Man lernt nie aus ...

Ganz genau.

Der Name Slut, stammt er aus dem Englischen von Schlampe, oder ...?

Erst mal grundsätzlich kommt er aus dem Lexikon und aus einer Verlegenheit heraus. Wir durften überraschend unser erstes Konzert in Ingolstadt geben. Wir haben für die Plakatdruckerei schnell einen Namen gebraucht. Dafür haben wir das Lexikon aufgeschlagen und da stand es dann...

Habt ihr ´blind´ gesucht?

Nein wir brauchten etwas kurzes, prägnantes und wir haben im OXFORD Advanced Learner´s nachgeschlagen, dort war die Bedeutung nur in Englisch erklärt. Der Name hat aber nicht viel mit uns zu tun.

Ihr habt ein Schloss gemietet, wie seid ihr daran gekommen und wie finanziert ihr es? Lauft ihr dort wie Burgherren mit Krone herum, oder wie muss man sich das vorstellen?

Es klingt besser, als es wirklich ist. Es ist ein grosses altes Gutshaus, 500 Jahre alt, nördlich von Ingolstadt. Und es war einmal ein Schloss, aber ein Landschloss, recht einfach und unprätentiös. Eines Tages stand es in der Zeitung und eine Bekannte von uns rief dort an. Daraufhin sind 9 unserer Freunde eingezogen. Ich habe dort nie gewohnt. Mittlerweile sind dort alle von Slut oder Pelzig, unsere Schwesterband. Zur Zeit wohnen 9 Leute da, davon von uns unser Busfahrer, Tonstudiomeister, Life - Mischer. Dort ist alles konzentriert.

Es ist schon günstig, wenn man zusammen arbeiten kann und nicht irgendwo hinfahren muss.

Das ist super, vor allem, da man nachts Lärm machen kann.

Kommen wir zur Musik, habt ihr irgendwelche Idole ?

Das ist bei jedem von uns verschieden, aber 3 von uns und damit auch die Mehrzahl waren, glaube ich ziemlich lange The Cure - fixiert.

Das 3. Lied ´the day it rained forever´, hat mich an die ´disintegration´ von The Cure erinnert ...

Das mit The Cure ist schon länger her, wir finden sie zwar immer noch gut, aber dass wir jetzt irgend ein Vorbild hätten, ist lange her.

Wart ihr auf einem The Cure- Konzert in Ingolstadt (grins) ?

Nein, in München war das nächste und ich war 5 mal auf The Cure - Konzerten.

Hast Du ein Konzert der Bloodflowers - Tour gesehen ?

Ja.

Und bei der Wild Mood Swings - Tour vor 3 Jahren ?

Ja.

Was war Deine erste Platte?

Mozart, durch das Klavierspielen - bis ich 14 war. Dann ging alles los erstens in der Pubertät und zweistens durch radikale Umbrüche. Ich bin direkt von Mozart zu Iron Maiden.

Wie schreibt ihr eigentlich die Texte, macht das einer alleine oder entstehen sie eher durch Teamwork, z.B. durch Brainstorming mit allen an einem Tisch?

Nein, das geht nicht. Ich glaube Dazu sind wir zu undiszipliniert, als das wir alle 5 auf einem Haufen irgendein Lied machen könnten. Ein Thema entsteht vielleicht manchmal auf dieser Art und Weise, aber ein ganzes Lied entsteht bei uns auf dreierlei Arten. Entweder allein zu Hause , mit jemand anderem oder in kleinen Gruppen zu zweit / maximal zu dritt. Die Texte mache ich. Allein. Ich muss sie ja auch singen.

Und wenn ein anderer eine Idee hat ?

Ich lasse mich gerne von einzelnen Wörtern inspirieren. Zum Beispiel von unserem Orgelspieler, der malt und Bilder macht, z.B. die ganze Grafik für unsere Alben und Collagen, in die er Wörter mit einbaut. Solche Inspirationen habe ich auch für ´Lookbook´ verwendet.

Nun zum Album - ´Lookbook´ wurde als ´imaginäres Tagebuch´ beschrieben.

Durch das Album führt ein roter Faden, aber es ist keine ganze Geschichte, sondern es sind eher mehrere Episoden, die sich eigentlich alle um das selbe Thema drehen. wir haben oft gemeinsam darüber geredet so etwas zu machen. Letztlich sind es meine Ausformulierungen. Viele Lieder mussten angeglichen werden, um in den Kontext zu passen.

Und der rote Faden ...

Das dauert immer etwas länger, bis ich das erklärt habe. Vor einem Jahr wollten wir, eigentlich erst mal keine Musik machen, sondern ein Buch (daher kommt auch der Name ´Lookbook´) - nicht schreiben - sondern machen. Das Material, dass wir zusammengetragen haben, ging über Texte, Wörter und Sätze hinaus, wurde erweitert durch Zeichnungen, Collagen, Bilder und Fotos. Und dann entschieden wir uns doch wieder Musik zu machen. Vielleicht kann man das - Buch und Musik - zu einem Thema zusammenführen. Wir haben alles angeglichen und einen Hauptdarsteller entworfen. Das ist Andy (Song 04) der Autor des nie geschriebenen oder veröffentlichten Buches Lookbook. In seinen Mund haben wir die ganzen Texte gelegt, bis auf 3 Ausnahmen, wo wir in der 3. Person über ihn singen. Die Geschichte kann man mit Wörtern, wie Identitätsfindung und Verlust umschreiben.

Beruht das auf persönlichen Erfahrungen?

Auch.

Oder ist es eher ausgedacht ...

Fiktiv ist eigentlich nicht so richtig. Wilde Geschichten, die gar nichts mit mir zu tun haben, kann ich mir nicht so gut ausdenken. Ich muss schon alles entweder gehört oder erlebt haben.

Ist zuerst die Musik da oder der Text?

Das ist von Lied zu Lied unterschiedlich. Vor allem bei dieser Platte. Ich glaube grössten Teils ist die Musik vor dem Text da, so dass man den Text gemäss der Stimmung ,die die Musik suggeriert, schreibt.

Interview mit SlutInterview mit SlutWürdet Ihr Eure Musik als melancholisch beschreiben?

Ja. Kann sein.

Was ist Melancholie für dich?

Melancholisch und traurig muss nicht immer zusammen auftreten. Wenn man traurig ist, muss man nicht unbedingt melancholisch sein. Melancholie ist für mich eher etwas, wo es um das Nachdenken geht. Das kann auch lustiges Zeug sein, es ist bei mir mit kontemplativ gleichzusetzen. In einer melancholischen Grundstimmung muss ich noch lange nicht traurig sein.

Ist es zum Beispiel auf alte Zeiten bezogen?

Auch, stimmt. Genau.

Bei mir auch. Ein kleiner Sprung, warum singt ihr eigentlich in Englisch. Vielleicht um Erfolg im Ausland zu haben?

Nein. Es war nie der Gedanke da deutsch zu singen. Das wurde nie in der Band diskutiert oder zur Sprache gebracht. Irgendwann hat jemand mal gefragt, warum wir nicht deutsch singen und wir waren total perplex, weil wir uns nie diese Frage gestellt hatten. Vielleicht waren deutschsprachige Bands damals noch gar nicht so aktuell.

Ich finde es viel einfacher Gefühle in Englisch auszudrücken ...

Das kommt noch mit dazu, also ich tue mich im Englischen auch einfacher, weil es etwas Künstliches ist. Vielleicht nicht so persönlich.

Hast du schon früher geschrieben?

Komisch, ja auf deutsch - Gedichte.

Schüttelreime?

Schüttelreime mag ich sehr gerne, hast du einen aktuellen? Ich sammle die, fällt dir einer ein?

Ich denke darüber nach - später Peter. Was für ein Gefühl ist das, einen Hit geschrieben zu haben? Für mich ist ein Hit eher eine Beerdigung des Songs, weil ich den Song eigentlich nur für mich haben möchte und nicht mit anderen teilen möchte. Ich habe euer Lied ´Easier´ auf Radio 1 gehört.

Wenn man vermeiden will, dass irgendein Lied im Radio läuft, in welchem Radio auch immer, dann muss man das auch ganz anders angehen. Dann darf man auch nichts aufnehmen. Für wen auch?

Also ihr möchtet schon erfolgreich werden und vor einem grossen Auditorium spielen?

Wir legen es nicht darauf an.. Natürlich, wenn man irgend etwas macht und etwas von sich selbst preisgibt dann will man ja auch die Leute im Boot haben, die das nachvollziehen können. Dafür muss man die Leute erst mal erreichen, auch wenn das auf einem kommerziellen Radiosender läuft. Die die es nicht interessiert und nichts damit anfangen können, kaufen es sich das dann auch nicht.

Und wie ist es, sich im Radio zu hören?

Komisch, ist echt komisch. Aber ich glaube nicht das irgendeine Band sagt, nein das wollen wir auf gar keinen Fall. Oder gibt es solche? Gibt es bestimmt!

Aber trotzdem finde ich, dass die Lieder an Energie und Reiz verlieren, wenn sie zu oft gespielt werden...

Interview mit SlutInterview mit Slut Was immer ein bisschen komisch ist, fast wie eine faule Ausrede, ist Independent. Damit kann ich gar nichts anfangen. Das waren wir auch noch nie. Uns hat man immer gesagt, dass wir eine ganz tolle Independent - Band sind. Ich habe immer gefragt, was denn das sei.

Na Ihr (grins).

Independent ist für mich immer ein bisschen fauler Zauber. Man kann unter dem Deckmantel des Independents alles machen, eine Kassette voll furzen und das ist Independent. Nicht kommerziell eben. Ich weiss auch nicht, ich kann mit solchen Menschen nichts anfangen und mit Independent auch nichts.

Und wo würdest Du Eure Platte suchen, im gut sortierten Plattenladen?

Bei Alternative (lacht), keine Ahnung, zur Zeit vielleicht bei Neuheiten, nein weiss ich nicht ...

Vielleicht Top 1?

Auch nicht, das ist immer eine schwierige Frage, wenn man seine Musik selber kategorieren muss, ob jetzt Pop, Rock oder sonst irgend etwas. Ich habe keine Ahnung. Popmusik klingt mir zu harmlos und das ist es nicht bzw. das sind wir auch manchmal nicht. Rock klingt doof.

Rock ist irgendwie auch alles.

Eben, ich trau mir das irgendwie nicht zu sagen. Das sollen die Leute selber machen ...

Wo sollen aber die Leute Slut suchen, vielleicht bei S ... Okay, Wo ist nun die Melancholie in der Popmusik geblieben?

Die Überschrift der Platteninfo, oder?

Genau.

Die Überschrift ist nicht von uns, derjenige der sie geschrieben hat, fand es toll, dass in Zeiten von Big Brother oder Stefan Raab auch traurige oder nachdenkliche Musik gibt, die das Radiogeschehen prägt. Aber wo die Melancholie in der Popmusik geblieben ist, weiss ich nicht, wir sind auch keine Missionare, deren Aufgabe es ist, diese Art von Musik wieder Publik zu machen.

Aber da gibt es doch schon einige deutschsprachige melancholische Bands!

Eben finde ich eigentlich auch ...

Ich habe da an Grauzone, Element Of Crime gedacht...

Na ja aber da gibt es echt nicht wahnsinnig viele!

Also eine Chance durchzukommen (grins).

Nein, das meine ich nicht.

Nun denn, hast Du noch irgendeine Message ...

Unsere Musik will auch keine neue Welt bauen und die gegenwärtige auch nicht verbessern.

Könnt ihr von der Musik leben?

Ein bisschen, aber momentan auch nicht so üppig.

Wollt Ihr irgendwann einmal üppig davon leben.

Üppig nicht, aber leben.

Aber von der Architektur könntest Du leben?

Ich finde die Architektur super, ich habe es studiert.

Eben, wie komme ich nur darauf...

Nur um das richtig zu stellen. Ich habe lange überlegt, ob ich das nicht sausen lassen oder auf Eis legen soll. Architektur ist genauso toll wie Musik und vor allem haben beide unglaublich viele Gemeinsamkeiten. Es ist ein full - time - studium, das viel abverlangt aber auch Spass macht. Das Hüpfen zwischen Musik und Architektur war immer eine optimal Ergänzung,. Beides erfordert ähnliche Arbeitsweisen, das ist schon cool. Man kann beim einen Lernen, was man beim anderen...

- umsetzt -

Genau - umsetzt.

Was denn zum Beispiel?

Wie man sich zum Beispiel etwas einfallen lässt, man sich selbst ein bisschen fordert. Dazu hat die Architektur beigetragen. Dass man wirklich etwas tun kann, und nicht warten muss, bis etwas kommt.

Ein Konzept?

Etwas Markantes, was man nicht vergisst. Das haben Haus und Musik gemeinsam beim Sehen und Hören.

Bauhaus!

zum Beispiel, sehr markant.

Eine Band und ein Stil!

Stimmt.

Jetzt fällt mir gerade ein, was ich noch wissen wollte, welches Instrument habt ihr eigentlich bei Mr. Blake (Song 08) benutzt? Es wirkt so 20er Jahre mässig ...

Das am Schluss ist kein Instrument, das bin ich mit dem Mund, vielleicht hätten wir das dazu schreiben sollen!

Zu allerletzt, hast Du eigentlich einen Lieblingssong?

Da gibt es zwei Lieder, das eine ist glaube ich kein Lied, und zwar von ´Arvo Pärt´ (ein sakraler Komponist), es heisst ´Litanei´. Das zweite ist ´Back To School´ von den ´Deftones´.

Dann bedanke ich mich für das Interview.

Danke auch ...

a.jo

Tour

  • 11.02.01 Dresden Riesa Efau
  • 12.02.01 Hamburg Schlachthof
  • 14.02.01 Köln Gebäude 9
  • 15.02.01 Berlin Maria am Ostbahnhof
  • 16.02.01 München Atomic Cafe

 

 

 

 


 

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